Aufsatz 
Carl Curtze : ein Lebensbild / von Carl Beck
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Gelegenheit zeigte er ſeine wohlwollenden Geſinnungen gegen mich und die Meinigen und gab mir Freundſchaftsbeweiſe, für die ich ihm lebenslang zum wärmſten Dank verpflichtet bleibe. Und wie ich ihn als Freund innig liebte, ſo ſchätzte ich ſeine vielſeitigen Kenntniſſe und war mit der größten Hochachtung wegen ſeiner gewiſſenhaften Berufstreue und beſonders wegen ſeines durchaus redlichen, fleckenloſen Charakters gegen ihn erfüllt. Sein Tod hat daher mir ebenſo wie den Seinigen eine tiefe Wunde geſchlagen, und er iſt auch ein ſchmerzlicher Verluſt für unſere Kirchen und Schulen, die ſobald nicht einen Curtze wieder bekommen werden.

Im Kreiſe von Freunden fühlte er ſich wohl und behaglich. Oeffentliche Geſellſchaften ſagten ihm weniger zu. Er fand ſein Glück im Familienleben. Er hat den größten Theil ſeines Lebens mit Mutter und Geſchwiſtern in einem Hauſe zuſammen verlebt. Ein ſchönes Band umſchlang ihn und die Seinen. Er ſpricht in einem Briefe ſich ſelbſt darüber aus:Ich lebte bisher in einem ſchönen Famlienverhältniß, mit einer vortrefflichen, innigſt geliebten Mutter, zwei Schweſtern und einem Bruder vereinigt; wir hielten zuſammen in treueſter Hingebung und Liebe, in Ein⸗ heit und Eintracht, ſtets zuſammenhaltend in Freud und Leid. Die innigſte Gemeinſchaft, wie ſte wol ſelten gefunden wird, hat er immer mit ſeinem Zwillingsbruder gehabt.Drei Jahre, ſagt er in dieſer Beziehung 1841,mit dem geliebteſten Bruder, wie ſtets von den erſten Lebens⸗ tagen an, vereint, wurden in Göttingen verlebt, nur der Wiſſenſchaft, dem ſtillen Studium gewidmet. Das eigentliche Studentenleben ward kaum kennen gelernt, noch weniger ſelbſt mit⸗ gelebt. Das hatte, bei allen Vortheilen, dennoch ſeine Nachtheile, war aber natürlich, weil nach einem halbjährigen Beſuche der Univerſität ein früher, herber Tod den beſten Vater uns entriß, eine Wunde ſchlug, die lange und nachhaltig geblutet. Auch als er in Mengeringhauſen und Arolſen angeſtellt war, wurde die geiſtige Gemeinſchaft, in der ſie in Corbach gelebt hatten, nicht unterbrochen. Beide haben keine Arbeit von Wichtigkeit unternommen, ohne ſie gemeinſam miteinander zu beſprechen. Kurz nach ſeiner Ueberſiedelung nach Mengeringhauſen hatte Curtze ſich verheirathet. Es iſt in Erfüllung gegangen, was Curtze kurz vor der Hochzeit geſchrieben hat:Das Haus gefällt mir ſehr wohl und wird es auch Dir, ſo wie ich denn uͤberhaupt des Vertrauens lebe, daß wir auch hier zufrieden und glücklich leben werden.Wie wollen wir uns doch Alles ſelbſt ſein: wie uns einander aufrichten in den Wechſelfällen des Lebens, die nicht vorbeigehen werden, wie gegenſeitig uns beſſern und vollenden!Die ächte Liebe, weißt Du, verträgt Alles, hofft Alles. Und das ſoll auch die unſere thun ſoll Gott vertrauen. Wie ſollten wir da nicht in den Kämpfen, die auch von uns nicht fern bleiben werden, einen guten Kampf kämpfen. Im October 1851 ſchrieb er an ſeinen Bruder in Amerika: Ich habe keine Kinder, lebe aber ſonſt in einer zufriedenen, ſtillen, glücklichen Ehe. Unſere Wohnung hier in Arolſen iſt eine recht hübſche, zum Auskommen haben wir und meine Ge⸗ ſchäfte ſind mir angenehme und liebe. So bin ich denn Gott dankbar für das, was ich habe. Das häusliche Leben war einfach. Mit lieben Freunden wurde Umgang gepflogen. In Menge⸗ ringhauſen hatten ſie wöchentlich ein Leſekränzchen, woran Freund Weigel, deſſen Schweſtern, ſo wie einige andere Frauen und die Candidaten, welche der dortigen Privatſchule vorſtanden, Antheil nahmen. Es wurde aus deutſchen Claſſikern und Shakespeare nach Tieck's Ueberſetzung geleſen und das Vorgeleſene beſprochen. In ſpäteren Jahren beſchränkte ſich ſeine Lectüre meiſt auf Sachen, die in das Gebiet ſeines Berufs einſchlugen; doch erhielt er ſich ſtets auch das