Aufsatz 
Carl Curtze : ein Lebensbild / von Carl Beck
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aus:Es iſt mir ſpäter geweſen, als hätte ich ſo nicht ſchreiben ſollen, als ich geſchrieben, ſo klar und offen das nicht, was einen Theil meines innern Lebens darlegen ſollte. Ich fürchte faſt mißverſtanden zu werden, dieſes mir am Ende als Stolz, als eitle Prahlerei, als Ueber⸗ ſpanntbeit, wer weiß, als was ſonſt, ausgelegt zu ſehen. Ich hätte, wie ich das in ſolchen Fällen liebe, ſo auch hier ganz ſchweigen ſollen, denn Unwahres, Falſches mag ich nie geben. Wollt' ich aber M. Etwas von meinen innern Ueberzeugungen, meinen Marimen und Princi⸗ pien darlegen, ſo konnten dies freilich nur ähnliche ſein mit den dargelegten; keinen andern kann ich bei mir Raum geben, und bin auch, glaub' ich, fortwährend bemüht geweſen, die an⸗ gegebenen zu realer Eriſtenz zu bringen. Haſt Du es anders gefunden? Sag' mir's klar, offen, ohne irgend welche Scheu; man täuſcht ſich ja ſo leicht! Selbſtkenntniß, richtige Beur⸗ theilung ſeiner ſelbſt, iſt mir ſtets als eine der ſchwierigſten Aufgaben erſchienen.

Wurden in den Zeiten der Aufregung, wenn auch nicht ſeine Geſinnung, ſo doch ſeine amtlichen Beſtrebungen mitunter angegriffen, ſo ignorirte er dies meiſt.Man ſoll doch wirklich, ſchreibt er an den Bruder,auf ſo Etwas, was einen unangenehm ſtimmen mag, kein zu gro⸗ ßes Gewicht legen. Man muß dann um ſo mehr dem Beſſern zu ſtreben und erwarten, das müſſe doch anerkannt werden. Und ein andermal:Man muß nur dann und wann ſich ge⸗ wachſen zeigen, wenn man auch Manches hingehen läßt, wie ich thue, weil ich Anderes zu thun habe, als auf jedes Gewäſch zu antworten. Nur wo es ihm in Rückſicht auf ſeine amtliche Stellung erforderlich ſchien, antwortete er mit Würde und Mäßigung. Niemals ließ er Perſo⸗ nen, die ihn verletzt hatten, dies entgelten, ſondern begegnete ihnen mit Wort und That äußerſt milde und verſöhnlich. Mir liegen Briefe vor, in denen er Einem, welcher auch ihm 1848 durch ſeinen Angriff auf die Schulordnung von 1846 wehe gethan hatte, ſeine innige Theil⸗ nahme über ſein Unwohlſein ausſpricht und durch ſeine freundliche Fürſorge ihm Troſt und neue Hoffnung einflöſ't.Verlaſſen Sie Sich, heißt es in einem Briefe,übrigens darauf, daß ich das Mögliche thun werde, um Ihre Wünſche zu erfüllen, und laſſen Sie, darum bitte ich ſehr, Ihren Muth nur nicht ſinken. Es geht ja Alles am Ende doch oft beſſer, als man gedacht hat. Ueberhaupt war er, bei aller Strenge gegen ſich, Andern gegenüber der liebevollſte und nachſichtigſte Beurtheiler, der ungern das Böſe von ſeinen Mitmenſchen glaubte, der, wenn nur der Kern gut war, Schwächen und Mängel zu entſchuldigen ſuchte und dieſelben durchaus nicht durch Spott gegeißelt ſehen wollte.Hohn und Spott, zeugt ein Unparteiiſcher von ihm,hat noch Niemand aus dem Munde dieſes Mannes vernommen. Wenn er auch ſonſt woldie mildeſte und ſchonendſte Weiſe verordnete, ſo ſtand er doch in dienſtlichen Verhält⸗ niſſen feſt: in Fällen, wo er glaubte nicht anders zu können und zu dürfen, wo er glaubteder Kirche und Schule es ſchuldig zu ſein.Iſt es nicht beſſer, Einzelne leiden, was ſie ſelbſt verſchuldet haben, als daß die Sittlichkeit des Volkes Schaden nehme? Seine Langmuth und Geduld gegen Bittende und Klagende war endlos. Auch im größten Geſchaftsdrange lieh er Jedermann ein aufmerkſames Ohr und ließ niemals merken, wie koſtbar ihm jede Mi⸗ nute war. Mit Ruhe und Theilnahme hörte er die weitſchweifigſten Auseinanderſetzungen und Klagen an und hatte ein tröſtendes aufrichtendes Wort für Jeden, der es bedurfte, Oft mußte

Wald. Volksbote 1848. S. 85.