Aufsatz 
Carl Curtze : ein Lebensbild / von Carl Beck
Einzelbild herunterladen

71

in gehörigen Formen Alles entſchieden und geordnet und feſtgeſtellt werde. Aber bis dahin, daß das geſchehen, muß das jetzt zu Recht beſtehende Verhältniß aufrecht erhalten werden; ſo will es die Ordnung. Curtze begann am Schluſſe des Jahrs 1854 einen Aufſatz, in welchem er die Confeſſionsfrage in den Fuͤrſtenthümern Waldeck und Pyrmont beſprechen wollte. Zu bedauern iſt es, daß derſelbe nur Bruchſtück geblieben iſt. Wir ſchließen mit den Worten ſeines Zurufs, der an die Geiſtlichkeit in Waldeck und Pyrmont gerichtet iſt*:Laſſen Sie uns einmal dahinten⸗ laſſen alle Partei- und Sonderintereſſen; laſſen Sie uns heraustreten aus den Banden idealer Anſchauungen und ſelbſtgemachter Vorausſetzungen in den Kreis der Geſchichte, damit dieſe hehre Lehrerin uns zum Verſtändniß diene; laſſen Sie uns uns hingeben dem einigenden Geiſte und den höheren Intereſſen der Kirche; laſſen Sie uns uns erheben zu dem Herrn der Kirche, uns von ſeinem Sinn und ſeinem Geiſte durchdringen: dann wird auch uns ſein Segen aus der Höhe nicht fehlen!

Das iſt es, was Curtze für die Kirche gewirkt hat. Er arbeitete mit großer Leichtigkeit und Gewandtheit, hatte dabei einen praktiſchen Blick und ein gluͤckliches Organiſationstalent. Er legte ſtets Principien zu Grunde,um nicht Grund und Boden zu verlieren, hatte ſtets ſein Auge auf die Zukunft gerichtet,wollte nichts Halbes, ſondern immer etwas Ganzes, etwas in ſich Abgerundetes und Vollendetes, er gab einſchlagenden Arbeitendiejenige hiſtoriſche Unter⸗ lage, die ihnen nach der gegenwärtigen Lage der Kirche zu geben möglich war und ſuchte ſtets dabeiin Uebereinſtimmung zu bleiben mit dem, was von der geſammten evangeliſchen Kirche Deutſchlands erſtrebt wird. Ein früher Tod hat manchen ſeiner Beſtrebungen ein Ende gemacht, ehe das vorgeſteckte Ziel erreicht war.Ich bin doch noch jung, ſagte er wenige Tage vor ſeinem Tode,noch keine 50 Jahr alt, ich könnte noch Manches wirken, wenn mir Gott nur noch ein Jahr lang Leben und Geſundheit ſchenkte. Aber ſank er auch hin in der Blͤthe der Jahre mitten in ſeinem Streben; er hat nicht umſonſt gelebt, der Segen ſeines Wirkens dauert fort. Das Conſiſtorium geht damit um, ſeine letzten kirchengeſtaltenden Vorſchläge gleichſam ſein Teſtament in Ausführung zu bringen. 4

Laſſen wir das, was er geleiſtet und erſtrebt hat, im Großen und Ganzen vor dem Auge unſeres Geiſtes vorüberziehen; fürwahr, ſo muß uns Bewunderung erfüllen, ja Staunen ergreifen bei der Menge deſſen, was er in der kurzen Zeit geſchaffen und errungen hat. Hat er auch in dem, was er als Gymnaſiallehrer und als Pfarrer geleiſtet hat, unter ſeinen Landsleuten manche Seinesgleichen gehabt, iſt er auch als Kanzelredner von einzelnen derſelben wol übertroffen worden: unübertroffen, ja faſt einzig in Waldeck ſteht er da als Müglied der Oberſchul⸗ und Oberkirchenbehörde des Landes in ſeinem Wirken für Schule und Kirche und nimmt neben Johannes Hefenträger(Trygophorus), dem Einführer der Reformation in hieſigem Lande, den Ehrenplatz ein. Ruht ſein Leib auch fern vom kleinen Heimathlande: in aller biedern Waldecker Herzen lebt er fort, Waldecks Schule und Kirche werden noch bei unſern Enkeln von ihm zeugen, und eineStiftung** zum Andenken an Carl Curtze auch ſeines Namens Gedächtniß fuͤr ferne Zeiten bewahren.

* Ein Vortrag. Von Carl Curtze. Mengeringhauſen 1853. S. 39. ** Ein Stipendium zur Bildung angehender Theologen und Lehrer, die einer Unterſtützung bedürfen. Freunde Curtzes ſind damit beſchäftigt, dieſe Stiftung ins Leben zu rufen.