Aufsatz 
Carl Curtze : ein Lebensbild / von Carl Beck
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61 vorausgeſetzt, daß wir ſie mit dem rechten Geſchick, mit Offenheit und Herzlichkeit zu handhaben verſtehen, bei Weitem mehr dem Ziele, das wir zu erreichen uns vorſetzten, uns nähern, als wenn wir unſere Klage über Sabbathſchändung den Polizeibehörden vorlegen.Arma ecclesiae sunt preces et lacrimae ſpricht der alte Augustinus.Wenn dieſem gleich ſo iſt, ſo iſt doch nicht in Abrede zu ſtellen, daß die Kirche, wie ſie dermalen noch iſt, der geſetzlichen Anordnung nicht entbehren kann. Gewiß hat die wahre, chriſtliche und vor dem Herrn geltende Feier der Sonn⸗- und Feſttage in dem Weſen und in der Macht des evangel. Glaubens ihre alleinige Wurzel; aber das ideale Leben des Chriſtenthums iſt in keinem Menſchen etwas Vollendetes, und ſo lange das kirchliche Leben nicht alle Glieder der Gemeinde durch und durch ergriffen hat, ſo lange wird man auch ſolcher nur auf das Aeußere gerichteter Geſetze nicht entbehren können.

Nicht nur die geſammte Geiſtlichkeit unſeres Landes, ſondern auch weltliche Behörden erachteten eine Sonntagsordnung für nöthig. Im Anfang 1845 reichte Curtze ſeinenEntwurf zu einer Verordnung, die äußere Heilighaltung der Sonn⸗ und Feſttage betr., dem Conſiſtorium ein. Mit dieſem ſtimmen manche Beſtimmungen des von der Regierung am 15. Mai 1855 erlaſſenen Strafgeſetzbuchs überein.

Curtze lieferte 1853 auch ein Referatzur Geſchichte der Bußtage, des Reformationsfeſts und der ſogen. kleinen Feſte in der evangel. Kirche der Fürſtenthümer Waldeck und Pyrmont, einsüber Paſſionsandachten und einsüber die in der evangel. Kirche des Fürſtenthums Waldeck noch vorhandenen Reſte der Kirchenzucht.*

Curtze warfeſt überzeugt, unſer kirchliches Leben muß ſich von Innen heraus, aus einem neugebornen, friſchen und lebendigen Geiſt der Kirche ſelbſt entwickeln und geſtalten, wenn es das wahrhaftige, Herz und Sinn nachhaltig ergreifende, durchdringende, heiligende, zu Chriſto und Gott hinführende Leben werden ſoll. Darum genügte ihm ein Geſetz über die würdigere Sonn⸗ tagsfeier zur Förderung des kirchlichen Lebens nicht; er ſah ſich nach kräftigern Erweckungs⸗ mitteln der Frömmigkeit um. Als ein ſolches erſchien ihm vor allendas Geſangbuch, das Buch, das unſtreitig nach der Bibel das wichtigſte Volksbuch iſt, und den größten, bedeutendſten Einfluß auf das religiös⸗kirchliche Leben des Volkes hat. 1845 hielt er in der Prediger⸗ verſammlung einen gründlichen, umfaſſenden Vortrag über die Geſangbuchsfrage. Er ſetzt um kurz den Inhalt mitzutheilen an dem jetzt gebrauchten Geſangbuche von 1790 aus: 1)daß ihm außerordentlich viele der beſten Kirchenlieder unſerer evangel. Kirche viele der ſchönſten und herrlichſten Kernlieder unſerer Kirche aus fruͤherer Zeit fehlen;** 2)daß alle diejenigen Kernlieder aus der noch ſtarken, lebendigen Glaubenszeit in einer Form und Geſtalt uns geboten werden, welche von der urſprünglichen und ächten ſehr weit entfernt, ja, oft bis zum Unkenntlichen entſtellt worden iſt; 3)daß es zu ſehr ſich an die Lieder der neueren Zeit gehalten und zu viele Lieder aufgenommen hat, welche den Charakter des Kirchenlieds nicht an ſich tragen; 4) daß das chriſtliche Kirchenjahr, an das ſich die Anordnung hätte

* Dieſe Arbeiten, ſowie Nachrichten über Heilighaltung der Sonn⸗ und Feſttage, Geſangbuch, Pfarrer⸗ anſtellung, Colloquien und Synoden, ſind an die Conferenz in Eiſenach eingeſandt. Auch hat Curtze einige Beiträge zu dem Centralblatte der Kirchenbehörden von Mohl geliefert.

** Genaueres über das Geſangbuch von 1790 gibt der Auszug, welchen Director Curtze aus dem erſten Theile des Manuſcripts ſeines Bruders im Wald. Anzeiger 1852 Nr. 7577 gegeben hat.