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unausgeſetzt bei der Sache war, die er gern noch vor dem Zuſammentreten der Stände— den 8. Januar 1855— vollenden wollte und wirklich vollendete. Nach Einberufung der Stände⸗ verſammlung arbeitete er nun höchſt angeſtrengt, zuweilen Morgens bei Licht und Abends bis ſpät, konnte ſeine gewohnten Spaziergänge nicht machen, verlor allen Appetit und wurde auf⸗ fallend wortkarg. Von da an begann ſeine Krankheit. Seine Gemüthsſtimmung war gedrückt, Hypochondrie im hohen Grade eingetreten. Von Zeit zu Zeit ward er Herr über ſich, bis irgend eine äußere Veranlaſſung oder körperliches Unwohlſein wieder trübe Vorſtellungen brachten. Wir ſahen ihn am 1. Oſtertage 1855 dem Hauptgottesdienſte in der ſchönen St. Kilians⸗ kirche, für deren Wiederaufbau er einſt ſich ſo bemüht hatte, an der Seite ſeines Bruders bei⸗ wohnen: ſein Auge war ſtill und matt, das Feuer der Begeiſterung ſchien erloſchen, und unſere Herzen durchſchauerte ein geheimnißvolles Beben, daß das Licht ſeines Geiſtes nie wieder in früherem Glanze uns erfreuen würde. Auf Rath des Arztes brachte er kurze Zeit bei lieben Verwandten in der Ferne zu, dann ging er in's Bad, nach Schlangenbad, hierauf nach Sayn. Der Arzt machte Hoffnung auf Geneſung. Aber alle Anſtrengung des Arztes und die auf⸗ opferndſte Pflege der treuen Gattin konnte ihn nicht retten. Die Seele rang ſich aus dem ſiechen Körper zu der Herrlichkeit des Himmels. So ſtarb Curtze am 5. September 1855, der deutſche Mann am deutſchen Rhein. Sein Leib ruht nicht auf dem katholiſchen Friedhofe zu Sayn; in dem engen Thale, wo der dortige Todtenhof liegt, war's dem Lebenden nie heimiſch geweſen. Die Gattin ließ ſeinen Leichnam nach dem benachbarten naſſauiſchen Dorfe Grenz⸗ hauſen bringen, wo der Gemahl ihrer Jugendfreundin als Pfarrer ſteht, und dort auf dem evangeliſchen Kirchhofe beſtatten. Ein einfaches Kreuz bezeichnet die Stätte, wo ſeine ſterbliche Hülle ruht. Es hat die Inſchrift:„Denen, die Gott lieben, müſſen alle Dinge zum Beſten dienen“, und auf der Rückſeite:„Carl Curtze, geboren zu Corbach am 14. Januar 1807, geſtorben zu Sayn am 5. September 1855.“
Unvergeßlich bleibt mir der Abend, wo wir von Curtze's Ableben Kunde erhielten. Es war Sonntags. Wir waren im Saale des Gymnaſiums zu einer muſikaliſchen Abendunterhaltung verſammelt. Director Curtze fehlte. Von Mund zu Munde wurde geflüſtert: Conſiſtorialrath Curtze iſt todt. Die Nachricht war 5 Uhr Nachmittags mit der Poſt erſt eingetroffen; es war zu ſpät geweſen, das Feſt aufzubeſtellen; Curtze's Tod ſollte fuͤr den Abend Geheimniß bleiben, damit Keines Freude getrübt werde. Aber durch das weite Auditorium haucht eine Lippe der andern zu: Curtze todt. Die harmoniſchen Accorde contraſtirten ſeltſam mit den Gefühlen unſerer Bruſt, die Muſik verſtummte früh.— Wie ein Lauffeuer durchlief die Nachricht von Curtze's Tode das ganze Land, es war eine Landestrauer. Der waldeckiſche Anzeiger beklagte den„großen Verluſt“; das waldeck. Kirchenblatt, deſſen thätiger Mitarbeiter Curtze geweſen war, brachte in ſeiner letzten Nummer biographiſche Notizen über den„ſeltenen Mann mit der treuen Seele und dem eiſernen Fleiße“ und das waldeck. Schulblatt ſagt unter Anderm:„Das ganze Land iſt erfuͤllt von der Trauerbotſchaft, und— wer Treue im Beruf, wer unermüdliche Thätigkeit, wer Liebe zu allem Wahren, Guten und Cdlen ehrt, der mußte den Mann hochſchätzen, dem dieſe Tugenden in ſo hohem Grade eigen waren. Er hat dem Beſten ſeiner Zeit genug gethan, er hat gelebt für alle Zeiten!— Wir Lehrer haben an ihm einen Mann verloren, der unſere Noth kannte, der ſich auch keine Arbeit, keine Anſtrengung verdrießen ließ, uns zu helfen.


