Aufsatz 
Carl Curtze : ein Lebensbild / von Carl Beck
Einzelbild herunterladen

11

und Ratbes, der Bekümmerte ſchüttete vor ihm ſein Herz aus und fand Erleichterung und Hülfe. Die heiligen Räume der Kirche füllten ſich allſonntäglich, der Odem des göttlichen Geiſtes hauchte wieder belebend die erſtarrt geweſenen Seelen an, mit neuer Freudigkeit ergriffen ſie das Heil in dem einigen Mittler und Herzog der Seligkeit, und größere Schaaren als in den frühern Jahren, und häufiger, drängten ſich zum Altare des Herrn, um das Mahl des Bundes, der Liebe und der Verſöhnung im tiefen Bedürfniß des nach der vollen Gemeinſchaft Jeſu Chriſti verlangenden Herzens zu genießen. Aber ach! die ſchönen Wochen des angenehmen Sommers der Erquickung vom Herrn gingen ſchnell vorüber; das Band, das ſo kurz erſt geknüpft mit immer reicher geſegnetem Wirken unzerreißbar ſich zu befeſtigen ſchien, ſollte gelöſt werden. Gabert war auf einer Reiſe in England den 1. September 1842 geſtorben und hierdurch die zweite ſeit 1839 erſt eingerichtete geiſtliche Conſiſtorialſtelle erledigt. Curtze wurde am 23. Oc⸗ toberzum Mitgliede des Conſiſtoriums ernannt und ihmSitz und Stimme in demſelben in den ihm zu ertheilenden Verwaltungszweigen verliehen.

Gern wäre er in ſeiner Gemeinde, die ſo ganz an ihm hing und eine ſo baldige Trennung geradezu für unmöglich hielt, geblieben und hätte von Corbach aus die ihm zufallenden Conſi⸗ ſtorialgeſchäfte beſorgt. Allein da dieſes nicht anging, überwand er doch obgleich ervon der Aufrichtigkeit und ganzen Innigkeit der Wünſche der Bürger, ihn hier zu behalten, überzeugt war im Bewußtſein ſeiner Pflicht als Mann die Gefühle des Augenblicks.Als mir die Antwort wurde, ſagt er ſelbſt*das ſeie unmöglich, habe ich geglaubt, wie ungern ich auch, ich wiederhole es, den Wohnungen meiner Vaterſtadt, für die und in denen ich ſtill und geräuſchlos all meine Lebenszeit zu wirken gedachte, vielleicht für immer Lebewohl ſagte, der Stimme des göttlichen Gebots, die in meinem Innern ſprach, Folge leiſten zu müſſen. Es war eine ſeltſame Bewegung und Erregtheit der Gemüther in Corbach, als den Bürgern die Gewißheit ward, daß Curtze wegziehen wolle. Man wollte und konnte es nicht faſſen und begreifen, wie der Mann, welcher Aller Anhänglichkeit und Zutrauen in allen Augen leſen konnte, welcher hier geboren, erzogen und gebildet und wiederum in einem Aufenthalt von 12 Jahren faſt mit der Stadt verwachſen war, welcher 2 Schweſtern, Mutter und Zwillings⸗ bruder hier hatte, der Mann mit dem warmen Gemüth und der treuen Seele ſich von Corbach, wo jedes Kind ihn kannte und jedes Plätzchen ihn feſſeln mußte, loszureißen vermöchte. Viele wollten ſeine Abſchiedspredigt nicht hören; beinahe ſchien es, als ſollten die Flammen der Liebe in Fackeln des Haſſes auflodern. Als er jedoch nun wirklich geſchieden, und der erſte Schmerz der Trennung durch den Balſam der Zeit allmählich milder geworden war; als man ſich überzeugt hatte, daß das Einkommen der Mengeringhäuſer Pfarre beträchtlich geringer ſei, als dasjenige einer in Corbach; als es endlich bekannt wurde, daß ihm für die neue Laſt der mannigfachen Conſiſtorial⸗ geſchäfte noch gar kein beſtimmter Gehalt ausgeworfen oder zugeſichert war, er auch als Conſi⸗ ſtorial-Aſſeſſor in ſeinem Weſen derſelbe blieb, alſo Ehrgeiz die Triebfeder ſeines Wegganges nicht ſein konnte: ſo wich der Unwille der Betrübniß, ihn entbehren zu müſſen, deſſen be⸗ geiſtertes Wort in ihren Seelen noch nachklang; ja ſelbſt nach 13 Jahren der Trennung auf die Kunde von ſeinem Tode hörte ich manchen biedern Corbacher Bürger mit Wehmuth ſagen: Ach wäre er bei uns geblieben! Dann lebte er wol noch.

* Den Gemeinden Corbachs zur freundlichen Erinnerung. Von Dr. Carl Curtze. Mengeringhauſen 1842.

2