Aufsatz 
Carl Curtze : ein Lebensbild / von Carl Beck
Einzelbild herunterladen

9

andere Bahnen zu werfen droht. Hierzu kommt, daß die literariſchen Bedürfniſſe, deren wir unſerer Stellung nach durchaus nicht entbehren können, zur Ertheilung von Privatunterricht zwingen, der nun gar dem Lehrer die übrigen Stunden in Anſpruch nimmt, ſo daß er beim beſten Willen nicht das leiſten kann, was er will und ſoll. Unter dieſen Umſtänden erſchien es ihm daher nicht unwillkommen, daß zu der Zeit, wo ſein jüngſter Bruder ſich als Gold⸗ arbeiter und Juwelier nach Nordamerika überzuſiedeln gedachte, einer ſeiner Univerſitätsbekannten ihm eine Ausſicht eröffnete, an einem Inſtitute in Northampton unfern Boſton eine Wirkſamkeit zu finden. Er hatte inzwiſchen im Jahre zuvor den 12. September 1832 das zweite theologiſche Eramen gemacht undzum vorzüglichen Wohlgefallen beſtens beſtanden, und von der am 10. P. trinit. über die evangeliſche Perikope gehaltenen Predigt und der Nachmittags nachfolgenden Katecheſe war vom Conſiſtorialrath Steinmetz geurtheilt worden:Die Predigt war muſter⸗ haft, richtig und logiſch bearbeitet, in Materie und Form ſchön, und, was die Diction betrifft, wirklich redneriſch. Dabei ſprach der Verfaſſer beides an: Verſtand und Herz der Zuhörer. Auch war die Predigt vollkommen memorirt. Die Katechismuslehre hat mich nicht ſo befriedigt. Uebrigens zeigte er, daß er ſchöne Anlagen zum Katecheten habe. Auch war er auf ſein Geſuch vom Conſiſtorialrath Steinmetz ordinirt und bei eingetretener Vacanz zu Michaelis 1832zur vierten Lehrerſtelle mit dem Prädicat als Subconrector befördert worden. Er hatte mit Luſt und Liebe gewirkt, obgleichder Gehalt gering geblieben war; aber ohne Ausſicht, bald eine ihm zuſagende Stellung zu erlangen, fühlte er, daß es für ihnhöchſt unerfreulich und nieder⸗ beugend ſein würde, auch die ſpätern Jahre, wenn auch nicht ausſchließlich, ſo doch größtentheils, Knaben von 912 Jahren unterrichten zu müſſen.Es kann nicht anders ſein, ſagt er,bei einem jungen Manne, der nun einmal ein reges Streben nach höherer Ausbildung ſeines geiſtigen Weſens ſich zur Aufgabe geſtellt hat, und der auch vermittelſt deſſelben ſo weit wenig⸗ ſtens vorgerückt zu ſein glaubt, daß er ſchon weiter vorangeſchrittene Jünglinge zu leiten und zu bilden befähigt iſt. Doch war er zu beſonnen dazu, ſogleich von dem zu ſeiner Reiſe nach den Vereinigten Staaten überſandten, auf ein angeſehenes Amſterdamer Handelshaus ausge⸗ ſtellten Wechſel von 100 Dollars Gebrauch zu machen und in der Fremde, wo ſo viele Waldecker Ehre und Vermögen gefunden, auf's Gerathewohl ſein Glück zu ſuchen. Er wandte ſich vielmehr an Aſſeſſor Dr. Bode in Göttingen, der früher an dem erwähnten Inſtitut beſchäftigt geweſen war. Bode rieth am 16. September 1833 entſchieden ab. Das Inſtitut in Northampton beſtehe blos durch die Beiträge der Schüler, deren Frequenz einem beſtändigen Wechſel ausgeſetzt ſei und in neueren Zeiten ſehr abgenommen habe. Es ſeien dort lauter Abkömmlinge von Eng⸗ ländern, denen das ächt deutſche Weſen durchaus fremd ſei, und unter denen er ſich ſchwerlich je heimiſch fühlen würde; es fehle den dortigen Menſchen an allem Gemuͤth. In Northampton hänge er von der Willkür zweier Privatleute ab, und die Willkür von Privatleuten gehe uͤber die Willkür von gekrönten Häuptern, die doch dem Staate geleiſtete Dienſte nie unbelohnt laſſen, und Staatsdiener nie vergeſſen.

So blieb Curtze im Vaterlande. Er führte ſein Lehramt mit gutem Erfolge, wie denn überhaupt das Wirken eines Lehrers nie ohne Segen bleibt, ſo bald er ſein Werk mit Luſt und Freudigkeit treibt und die Liebe der Zöglinge in gleichem Grade wie Carl Curtze zu gewinnen und behaupten verſteht. Doch faßte er immer mehr Vorliebe zur geiſtlichen Sache. Sein Bruder