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den riesigen Verkehr auf der Themse aus nächster Nähe zu beobachten. Nach etwa zweistündigem Warten fuhr der Dampfer in das Dock ein, wo die Landung glücklich von statten ging. Beim Verlassen des Docks haben die Reisenden für jedes Gepäckstück eine kleine Gebühr an die Dock Company zu entrichten. War ich nun glücklich der Seylla entronnen, indem ich mich nicht mit den Bootführern einliess, so drohte mir jetzt die Cherybdis in Gestalt eines Heeres von zum teil wenig vertrauenerweckend aussehenden Gestalten, die alle meine Gepäckstücke tragen wollten. In dem Speicherviertel bei dem Dock, zu Whitechapel gehörig, wimmelte es geradezu von solchen Leuten, deren man sich kaum erwehren konnte. Meistens waren es Arbeitslose, die auf diese Art sich gerne etwas verdient hätten. Nachdem ich einige Zeit die Angriffe dieser Leute auf mein Gepück zurückgewiesen hatte, übergab ich es schliesslich einem vertrauenerweckenden Burschen, der es für einen Schilling nach der ganz in der Nähe liegenden Station der Untergrundbahn, Mark Lane Station, trug. Von da brachte mich die Untergrundbahn in etwa ½ stündiger Fahrt nach Paddington Station der Great Western Railway. Für diejenigen Kollegen, die wie ich zum erstenmal nach London kommen, sei hier bemerkt, dass es sehr schwierig ist, an den Stationen der Untergrundbahnen die Namen der Stationen zu finden, da die Wände vollständig mit Plakaten bedeckt sind. Eine Dame, die schon öfter in London gewesen ist, riet mir daher, nach den Laternen und Bänken zu sehen, die alle den Namen der Station tragen. So war es mir ein leichtes, mich zurecht zu finden.
Nach einstündiger Fahrt mit dem Schnellzug langte ich in Oxford an. Alles war so weit nach Wunsch gegangen. Die erste Enttäuschung erlebte ich, als die von mir be- nutzte Droschke vor den Gebäulichkeiten hielt, in denen Ruskin College untergebracht war. Die Gebäude machten zum teil einen barackenähnlichen Eindruck. Wie ich spüter erfuhr, ist das College in diesen Gebäuden nur vorübergehend untergebracht, da an ihrer Stelle ein Neubau errichtet werden soll, sobald man über das nötige Geld dazu verfügt. Da ich an einem Donnerstag ankam, waren die„students“ grösstenteils ausgegangen. Ich traf ihrer vier an, die eine Art inneren Dienst hatten. Von ihnen erfuhr ich, dass Rus- kin Colloge mit der Universität Oxford nicht das geringste zu tun hat und die„students“ Leute aus den arbeitenden Kreisen des ganzen Inselreichs sind. Unter den Anwesenden befanden sich ein Buchdrucker und ein Bergmann aus Wales, welch letzterer sich sogleich als eifrigen Verehrer Bebels bekannte und meine Stellungnahme zu ihm wissen wollte. Am abend wurde ich den übrigen„students“ vorgestellt, etwa 20, darunter ein Norweger und ein Finnländer. Nach dem Prospekt scheinen seither unter den auswärtigen Besuchern von Ruskin College die nordischen Länder, hauptsächlich Schweden und Norwegen, das Hauptkontingent gestellt zu haben. Unter den anwesenden Engländern waren fast alle Teile des Inselreichs vertreton. Mir fielen besonders die Schotten aus der Umgegend von Glasgow durch die schnarrende Aussprache des r auf.
Am selben Abend stellte ich mich dem Vizedirektor vor, Mister Lees Smith M. A. leh hatte nicht die Ehre, mit dem Direktor, Mister Dennis Hird M. A., zu sprechen. Er weilte auf seiner Farm in der Nähe von Oxford. Wie ich später von Oxforder Herren erfuhr, ist Mister Hird Amerikaner von Geburt und„clergyman? von Beruf. Er versah zu- letzt eine Stelle in Oxford, die er vor einer Reihe von Jahren aufgeben musste. Ruskin College wurde mir von Engländern als ein Institut echt amerikanischen Stils bezeichnet, und ich muss gestehen, dass es mir auch ganz amerikanisch vorgekommen ist.
Worin nun die Hausarbeiten der„students“ bestanden, darüber bekam ich am nächsten Morgen genügenden Aufschluss. Ich sah die„students? alle möglichen Arbeiten im lIaus verrichten mit Ausnahme des Kochens, für das eine Köchin angestellt war. Bis zum Mittag liess man mich unbehelligt; ich bemerkte aber, dass man sich wunderte, weil ich nicht auch zugriff. Nach dem„lunch“ jedoch forderte man auch mich zur Teilnahme


