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zu hören, anderseits bei dem steten Verkehr mit den„students“ häufige Gelegenheit zum Sprechen, ohne allzu grosse Gefahr mit Landsleuten in Berührung zu kommen. Weniger verlockend war in dem Prospekt die Mitteilung, dass das Leben in dem College sehr einfach und kein Dienstpersonal vorhanden sei, weshalb die„students“ einen Teil der IIausarbeit selbst zu verrichten hätten.
Worin die Hausarbeit bestand, war in dem Prospekt nicht zu ersehen. Wenn nun auch eine Reihe von Unbequemlichkeiten bei einem Besuch von Ruskin College zu erwarten waren, entschloss ich mich doch zu einem Versuch. Ich wandte mich brieflich an den Direktor des College, Mister Dennis Hird M. A., mit der Bitte um Aufnahme in dem College für die Dauer von 4 Wochen, was mir auch zugestanden wurde. Es sei hier im voraus bemerkt, dass zur genauen Orientierung Fremder das Sekretariat des College dem Prospekt ein Exemplar der Hausordnung,„rules“ genannt, hätte beifügen müssen, aus denen dann im einzelnen die Verpflichtungen zu ersehen waren, die der Be- sucher von Ruskin College auf sich nahm. Es könnte dann nicht vorkommen, dass Fremde so grosse Enttäuschungen erlebten wie ich.
Ehe ich auf meinen Aufenthalt in Oxford selbst zu sprechen komme, sei es mir gestattet, einiges über meine Reise dorthin zu berichten. Von den bei Reusch*) namhaft gemachten Reisewegen benutzte ich den weitesten, den von Bremen nach London zu Schiff. Zu seiner Wahl bestimmte mich der Wunsch, einmal eine nicht allzu kurze Seefahrt machen zu können. Der von mir benutzte Dampfer war einer von der Dampfschiffahrts- gesellschaft„Argo“ zu Bremen, auf die ich durch die Lektüre von Reuschs oben er- wähntem Buch aufmerksam geworden war. Die Dampfer der Gesellschaft fahren dreimal wöchentlich von Bremen, Freihafen, nach London, St. Katherine’'s Dock, unterhalb von Tower Bridge, und umgekehrt. Die einfache Fahrt I. Kajüte kostet die Person 35 Mk., Hin- und Rückfahrt 57.50 Mk., Verköstigung mit eingerechnet, was billig zu nennen ist. Die Dampfer legen die Strecke von Stadt zu Stadt in etwa 36— 40 Stunden zurück. Da ich auf der Rückfahrt denselben Weg benutzen wollte, löste ich eine Rückfahrkarte für den Dampfer und zugleich eine Interimseisenbahnfahrkarte für London-Oxford und zurück auf dem Kontor der„Argo“. Ich kann dem, was die Gesellschaft für den billigen Preis bot, nur alles Lob spenden und die Benutzung ihrer Dampfer im gegebenen Fall nur empfehlen. Besonders dürfte dieser Reiseweg für Kollegen aus Norddeutschland geschickt sein. Auf der Rückreise hatte ich das Vergnügen, mit drei Kollegen aus der Provinz Hannover zu reisen, mit denen ich einige recht vergnügte Stunden verbrachte, die mir in angenehmer Erinnerung bleiben werden.
Die trüben Erfahrungen, die Reusch bei einer ähnlichen Fahrt bei seiner Ankunft in London machte, sind mir erspart geblieben, was ich ebenfalls der Lektüre seines Buchs verdanke. Wenn nämlich die Dampfer in London vor Tower Bridge angekommen sind, müssen sie oft, wenn der Wasserstand ein Einlaufen in das Dock nicht gleich gestattet, auf dem Strom für einige Stunden vor Anker gehen. Der Dampfer hat nun noch nicht seine Anker ausgeworfen, so ist er schon von einer Menge von Booten umringt, deren Führer sich erbieten, die Reisenden auszubooten. Manchmal sollen sie sogar an Deck kommen und den Passagieren nach der Zollabfertigung die Gepäckstücke geradezu aus der
Iland reissen. Neben den patentierten Bootführern gibt es dann immer eine Anzahl „wilde“, die, wenn sie sehen, dass sie es mit Fremden zu tun haben, die des Englischen nicht vollständig mächtig sind, mit diesen nach ihrem Belieben umspringen, sie auszu- beuten suchen und ans Land setzen, wo es ihnen eben passt.**) Die trüben Erfahrungen von Reusch veranlassten mich, das Schiff erst im Dock zu verlassen, wenn ich auch einige Stunden zu Schiff auf dem Strom verbringen musste, wobei ich die beste Gelegenheit hatte,
) Ein Studienaufenthalt in England, **¼) Siehe Reusch, S. 15. 61497 2


