Aufsatz 
Zur Geschichte der Negation in der französischen Sprache / von Heinrich Lüdecking
Entstehung
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In Betreff des Wortes personne(Jemand, beziehungsweiſe Niemand) kann auf das über aucun Geſagte verwieſen werden; jedoch iſt zu bemerken, daß personne in dieſer Bedeutung in der alten, wie in der neuen Sprache immer Subſtantiv und Masculinum iſt.

3. Rien, im Altfranzöſiſchen rien, riens und riena geſchrieben, im Provenzaliſchen ven, ſtammt von dem lateiniſchen Accuſativ x em ¹) und bedeutet demgemäß: eine Sache, ein Ding, Etwas. In den ſämmtlichen genannten Formen ſteht es ſowohl als Subject wie als Object. Es wird, wenn man von der älteſten franzöſiſchen Sprache und von dem Provenzaliſchen abſieht ²) immer ſubſtantiviſch und, ſeiner Abſtammung gemäß, als Femininum mit dem Artikel la gebraucht, während die ſpätere Sprache, welche ſeinen Urſprung nicht mehr kennt, es eben ſo wie quelque chose als Masculinum behandelt. La premiere chouse,(chose) que je t'enseigne et commande a(à) garder, si(ainsi) est, que de tout ton cueur,(coeur) et sur toute rien, tu aymes Dieu. Joinv. II, 160.= über alle Dinge, über Alles. Celuy(ce) saint omme(homme) Roy saint Loys toute sa vie ayma et craignit Dieu de tout son po- voir et sur toute rien. Joinv. I. 5 3 vous m'avés tolu(enlevé) la riens en cest(ce) monde que je plus amoie= que j'aimais le plus ³). Toterien(= toute chose) se forme declin. Rom. du Rou.= toute chose tourne au déclin; voulentiers ot(= lat. audit) parler d'armes, qui plus lui plaisent que nulle rien. Christ. de Pisan;= er hört gern von Waffen ſprechen, welche ihm mehr gefallen als irgend etwas: or, vous demande, fist(fit=dit) l'Evesque, si vous prandriez or, ne(ni) aucun bien mondain, pour regnier(renier) de votre bouche riens(irgend etwas) qui touchast au saint sacrement de l'autel. Joinv. I, 19.= nun frage ich Euch, ſagte der Biſchof, ob Ihr Gold oder irgend ein irdiſches Gut nehmen würdet, um mit Eurem Munde irgend Etwas zu verleugnen, was das heilige Sakrament des Al⸗ tars betrifft; Gestoit qu'oneques nulle rien ne lui voloit(voulait) accorder à sa priere com petite feust(füt) ne(ni) com grande. Chastellain. Chron. Pag. 120.= weil er ihm auf ſeine Bitte niemals etwas gewähren wollte, ſo klein oder ſo groß ſie auch ſein mochte; li pire rienz qui soit c'est male fame ¹)= la plus mauvaise chose qui soit au monde, c'est une méchante femme. Durch dieſe Beiſpiele, welche ich leicht vermehren könnte, iſt wohl genügend nachgewieſen worden, daß rien in der alten Sprache mit dem Artikel ein Subſtantiv poſitiver Bedeutung iſt und ſo viel bedeutet wie une chose. Ein dubitativer Sinn, in welchem es noch jetzt gebräuchlich iſt, bildet den Uebergang zu dem Begriffe nichts; er findet ſich in den

einen Jüngling von einigermaßen ſchöner Geſtalt, nfente ſteht hier für alquanto. Zwiſchen den Be⸗ griffen nichts und etwas liegt zuweilen nicht eine ſo große Kluft, als man glaubt. Wer im Franzöſiſchen un⸗ terrichtet, wird wißen, daß die Schüler A peine(kaum) nicht ſelten irrthümlich mit ne gebrauchen; der Begriff kaum iſt noch poſitiv, er ſteht jedoch an der äußerſten Grenze des Poſitiven, das Gebiet der Negation liegt dicht dabei.

¹) Der Voecal i iſt eingeſchoben, wie in miel aus= mel; fiel'== fel; bien= bene. Die Annahme des lat. Accuſativs, als desjenigen Caſus, von welchem die franzöſiſchen Subſtantiva ſtammen, empfiehlt ſich durch Wörter wie rien= rem; mon= meum; ton= tuum; son= suum.

2) Die älteſte Sprache gebraucht es auch adverbial in der Bedeutung Auam nen ne vorres riens ma deshonnour. Diez III, S. 410; provenzaliſch: no dormirai ren, entſprechend dem ſpaniſchen: no, me agrada cosa questo casamiento= dieſe Heirat gefällt mir durchaus nicht.

³) La Combe, Dict. du vieux langage français.

4) La Combe, Dict.

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