Aufsatz 
Zur Geschichte der Negation in der französischen Sprache / von Heinrich Lüdecking
Entstehung
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ohne von irgend jemand gezogen zu ſein; ilz(ils) gardoient que aulcuns vivres ne fussent amenez(amenés) a l'ost. Joinv. I, 149.= ſie hielten Wacht, daß dem Lager keine Lebens⸗ mittel zugeführt würden; il n'est rien si gentil que les petits enfants en France; mais ordi- natrement ils trompent l'esperance qu'on en a conceue(conçue); et hommes faicts(faits) on n'y veoid(voit) aulcune excellence. Mont. I. 25; parmi les traits lancés de toutes parts ne s'en trouvera-teil aucun d'empoisonné? aucun n'atteindra-t-il un de ces points du coeur les blessures ne guérissent plus? Souvestrez il ne convient àaucun parti. Courier.

2. nul(und das Adverb nullement) ital. nullo, vom lat. nullus, erſcheint im Altfran⸗ zoͤſiſchen in einer Menge von Formen, zu deren Bildung die gänzliche Unbeſtimmtheit der dama⸗ ligen Orthographie beigetragen hat, als nului, nelui, nuili, nulli, nullui, nulluy, nully, nuls, (als Singular) nulz, nuns, nus, nuz(). Nul iſt, gleich dem ital. nullo, von Haus aus ne⸗ gativ, während aucun und personne urſprünglich poſitive Bedeutung haben. Da die fran⸗ zöſiſche Sprache aber gewohnt war, mit doppelter Negation zu verneinen, ſo ſteht auch im Altfranzöſiſchen bei nul immer noch ein verneinendes Wort, ne, sans oder ein anderes von derſelben Wirkung. Schon in dem älteſten franzöſiſchen Sprachdenkmale, dem Eide Ludwigs des Deutſchen,(843) findet ſich dieſer Gebrauch: ab Ludher nul plaid nundquam prindrai= de Lothatre nul accommodement jamais(n e) prendrai; firent crier par tout J'ost(Lager, Heer) que nul ne fust(füt) si hardi qu bil passast cele ordenement. Villehardouin.= daß kei⸗ ner ſo dreiſt ſein ſolle, dieſen Befehl zu übertreten; de ce, et aussy que au pais de la ne pluvoit nulle foiz une goutte d'eaue etc.(Joinv. I. 137)= daher, und auch, weil es in dem Lande niemals einen Tropfen Waßer regnete. u. ſ. w. Dieſer Sprachgebrauch beſteht im All⸗ gemeinen noch heute: il n'y a nulle justice à cela. Acad.; nul n'est exempt de mourir. Acad.; aber unzuläßig ſind jetzt Wendungen wie: sans nul orgueil. Christine de Pisan. II. Chap. 15; und: me semble que pour lors ses terres se pouvoient mieux dire terres de promission, que nulles autres Seigneuries qui fussent sur la terre. Com. I, 3; hier ver⸗ langt der heutige Sprachgebrauch aucun. Beſondere Beachtung verdient mul in den beiden folgenden Beiſpielen: Gardes toy de souffrir aultruy, qui soit si hardi de dire devant toy. aulcune parolle, qui soit commencement d'esmouvoir nully a pechié. Joinv. II, 162. = hüte dich, Einen zu dulden, der ſo kühn iſt, in deiner Gegenwart ein Wort zu fagen, wel⸗ ches der Anfang dazu iſt, irgend Einen(nully) zur Sünde zu bewegen. Und: il nous en- voyoit querir et nous demandoit comment tout se portoit, et s'il y avoit nul(irgend Einer) qu'on ne peust(put) despécher sans luy; et quant(quand) il y en avoit aucuns,(irgend Einer) nous le luy disions. Joinv. I, 25.= ob irgend Einer da ſei, den man ohne ihn nicht abfertigen könne. Hier bleibt kaum etwas übrig als die Annahme, daß nul in der poſi⸗ tiven Bedeutung von aucun ſtehe; die Sprache war gewohnt, die dubitativen Wörter aucun, nul, personne in negativen Sätzen auf gleiche Weiſe zu behandeln; ſie that einen allerdings herzhaften Schritt weiter, indem ſie dieſelben auch in Sätzen, wo keine Negation, ſondern bloß

Ungewisheit ſtattfindet, als gleichartig anſah und gebrauchte. ²)

¹) Roquefort, Dict. de la langue romane. 1 ²) Zur Begründung dieſer Anſicht erwähne ich den Gebrauch des ſtalieniſchen Worts nioate(nichts) im poſitiven Sinne: ella vede un giovinetto di forma niente riguardevole(Valentini's Wörterbuch)= ſie ſah