Aufsatz 
Zur Geschichte der Negation in der französischen Sprache / von Heinrich Lüdecking
Entstehung
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Wörtern wirkſam war, iſt nach und nach durch den häufigen Gebrauch zurückgetreten, bis zuletzt die bloße Abſtraction zurückblieb. So erſcheinen die genannten Wörter jetzt ſämmtlich als bloße Verſtärkung des ne, um in Verbindung mit ihm den Begriff nicht zu bilden, zu deſſen Darſtel⸗ lung ne allein zu ſchwach erſcheint. Die franzöſiſche Sprache verneint durch zwei Wörter, deren eins dem Verb vorausgeht, und eins demſelben folgt, ſo lehrt die heutige Grammatik, und Aus⸗ drucksweiſen wie je ne marche point, je ne parle pas, je ne vois goutte, vous ne l'au- rez mie(Acad.) beweiſen, daß man nicht mehr an die urſprüngliche Bedeutung dieſer Wörter denkt. Den meiſten Franzoſen iſt pas(Schritt) ein Wort, welches mit pas(nichts) gar nichts gemein hat: in dem Satze: je ne ferai pas un pas de plus(Acad.) erblicken ſie zwei ganz verſchiedene pas; wer ihnen gegenüber das Gegentheil behauptet und für ſeine Anſicht den Ge⸗ brauch der übrigen Füllwörter anführt, iſt gewis, ungläubige Zuhörer zu finden.

Auch die mittelhochdeutſche Sprache verſtärkt die Verneinung durch ähnliche Füllwörter: ¹) Niht ein blat; niht ein bast; niht ein ber(nicht eine Beere); niht ein stro(Strohhalm); niht eine bône, noch jetzt: nicht die Bohne; niht ein wicke; niht ein nuz(Nuß); niht ein ei; niht ein brôt; niht ein har, und noch mehrere andere. Aus der heutigen Sprache führe ich an: nicht ein Bißchen; keinen Pfifferling; keinen Fingerbreit; ſowie die Nennung der kleinſten Münze eines Landes: keinen Heller; u. ſ. w. Für das Niederſächſiſche(Plattdeutſche) mag das Beiſpiel: kein spir(Keim, Sprößling, Halm) genügen: hei is kein spfr ewossen= er iſt gar nicht gewachſen. 2) Dieſen Wörtern entſpricht im Altfranzöſiſchen, beſonders bei den Dichtern, eine Anzahl ſinnlicher Umſchreibungen ³), welche die ſpätere franzöſiſche Sprache eben ſo wie die deutſche, wieder auf⸗ gegeben hat, z. B. un gant(einen Handſchuh); un ail(einen Lauch); une feuille(ein Blatt); un deuf(ein Ei), une pomme(einen Apfel); une poire(eine Birne) un bouton(einen Knopf); un denier monneez(= monnayé, einen gemünzten Heller), unſerm heutigen Ausdrucke:nicht einen rothen Heller entſprechend. Dieſe Umſchreibungen ſind jedoch in der deutſchen wie in der franzöſiſchen Sprache niemals ſo allgemein geworden wie pas und pointd; die mit den erſteren Wörtern gebildeten Redensarten blieben mehr innerhalb der Grenze, welche ihnen die ſinnliche Bedeutung des Füllwortes zog, wie ſchon aus dem Umſtande hervorgeht, daß ſie immer mit dem unbeſtimmten Artikel ſtehen, während pas, point, ſo wie mie, goutte, mot, u. ſ. w. niemals mit dem Artikel gebraucht werden.

Der Gedanke, die Negation durch derartige Wörter zu verſtärken, liegt ſehr nahe und iſt deshalb in vielen Sprachen, in alten wie in neuen, in den alten freilich in beſchränkter Weiſe, zur Anwendung gekommen. Von römiſchen Schriftſtellern iſt es vorzüglich Plautus, welcher ſo ver⸗ fährt. Die hier gebrauchten Wörter, deren einige nur mit der Negation ſtehen können, ſind flocei, nauci, pili, assis, etc.; non flocci pendere; non assis facere; non nauci habere; non pensi ducere; dazu kommen noch andere, z. B. pluma haud interest, patronus, an cli- ens probior siet. Plaut. Most. 2. 1. 60; Eripiet quivis oculos citius mihi, quam te Con- temptum cassa nuce pauperet. Hor. Sat. II, 5, 35. Hierher gehört auch das aus nihi⸗ lum verkürzte und ganz zur Abſtraction verhärtete nihil, welches aus ne hilum, nec hilum

¹) Grimm, deutſche Grammatik 3, S. 728 folgg. ²) G. Schambach, Wörterbuch der niederdeutſchen Mundart der Fürſtenthümer Göttingen und Grubenhagen. Hannover 1858; ein mit Fleiß und Liebe gearbeitetes Buch. ³) Grimm 3, S. 750. 1*