Aufsatz 
Die neuromantische Poesie der Franzosen
Entstehung
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des Volks, welche von dem beengenden Einflusse der Akademie nicht gelitten und deshalb eine grössere Frische und Freiheit bewahrt hatte. Mit grossem Erfolge schöpften sie endlich aus der Quelle der Bibel, vorzüglich aus den älteren kräftigen Uebersetzungen derselben. Wie sehr die Sprache dadurch erfrischt und bereichert worden ist, zeigen vor allem Lamartine's und V. Hugo's Dichtungen.

Der Grundsatz: La nature et la vérité führte die jungen Dichter naturgemäss zu dem Streben, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen, während die Klassiker das eigent- liche bezeichende Wort als trivial und der Poesie unwürdig mit Absicht vermieden uud dafür die Umschreibung(périphrase) gebrauchten. Diese Umschreibung, durch welche die Darstel- lung matt und farblos wurde, muste dadurch noch unerträglicher werden, dass sie im Laufe der Zeit stereotyp geworden und dem Dichter als allezeit fertiger Ausdruck zur Hand war. Wie störend ist bei Corneille der stehende Ausdruck les feux für die Liebe! Für das Meer gebrauchte man die Ausdrücke: la plaine liquide, Neptune, Thétis; die Furcht ist oft durch Tisiphone ausgedrückt; die Kanone heisst airain; das Ross coursier; der Erzbischof pontife; der Pabst pontife souverain. Und wie viele andere stereotype Umschreibungen könnten wir noch anführen! Selbst Dichter von höherer Begabung, wie Chateaubriand, seufzten unter die- sem thörichten Gesetze. Delavigne,(* 1844.) welcher ein juste milieu zwischen dem klassischen und romantischen Geschmacke vertritt, legt nur selten die Furcht vor dem eigentlichen Worte (Thorreur du mot propre) ab. Als Beispiele seiner Umschreibungen mögen die folgenden Stellen hier stehen. Er will von den blutigen Leichnamen Hingerichteter reden, aber er mil- dert den Ausdruck, indem er sagt:

Pai w prés de ces lieux

Des oeuvres de Tristan la trace encor sanglante,

L'eau du Cher ouù flottait sa justice effrayante. Louis XI. Acte II. Sc. 6.

Ein Bogenschütz Ludwigs XI. bedroht einen Bauern mit dem Strange; der Dichter spricht

das für ihn Unaussprechliche in den zierlicheren Worten aus: Rentre, ou les tiens verront avant la nuit prochaine La justice du roi suspendue à ce chêne. Louis XI. Acte 1. Sc. 1.

Wer aber recht gründlich sehen will, welches Unheil die alles anoblierende Umschreibung bei den klassischen Dichtern angerichtet hat, der thut gut, die französischen Uebersetzungen ausländischer Dichterwerke zu lesen.

Ausser der Sprache und dem eigenilichen poetischen Ausdrucke erhielt auch der Vers grössere Freiheit. Man brachte mehrere Versarten der vorklassischen Dichter, welche ganz in Vergessenheit gerathen waren, wieder zu Ehren, zu entschiedener Bereicherung der Poesie,

obgleich wir nicht läugnen wollen, dass die französischen Romantiker, wie die deutschen, 4