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zuweilen mit dem Verse spielen und dem Reimgeklingel den Inhalt zum Opfer bringen. Im Ganzen aber sind die Verse der neuromantischen Dichter voller und wohlklingender als die Verse der Klassiker, welche besonders in den poetischen Briefen und in den Gelegenheits- gedichten durch ihre Magerkeit auffallen. Für den Lieblingsvers der französischen Poesie, den Alexandriner, hatte seit Malherbe das Gesetz gegolten, welches Boileau in den Versen ausspricht:
Oue toujours dans vos vers] le sens coupant les mots, Suspende l'hémistiche,] en marque le repos.
Nach diesem Gesctze muste der Vers zwei feste Ruhepunkte haben, in der Mitte durch die Cäsur und am Ende durch einen Abschnitt des Sinnes, welcher den Werth eines Komma hat. Dies machte den Vers eintönig und sentenzenartig-epigrammatisch, was sich natürlich nur selten mit seinem Inhalte vertrug und vor allem den Gedanken des Dichters hemmte. Die jungen Dichter folgten der Neuerung, welche Chateaubriand und A. Chénier eingeführt hatten; sie liessen die Cäsur nach dem Wohllaute wechseln und erlaubten sich nach Bedürfnis das enjambement, d. h. die Ausdehnung des Sinnes über zwei Verse.
Zum Schluss haben wir noch einer schönen Frucht der neuromantischen Poesie zu ge- denken, welche wir oben auch als ein Ergebnis der deutschen Romantik genannt haben, näm- lich der gründlicheren und umfassenderen Behandlung der Literaturgeschichte. In Deuschland wie in Frankreich gieng die romantische Poesie von historischen Studien aus und führte wiederum zu diesen zurück. Auch muste der Kampf der Gegensätze zu einer tiefer eingehenden und gerechtern Kritik führen, als man bis dahin in Frankreich gewohnt gewesen war. Die litera- turgeschichtlichen Werke von Villemain, Ampère, Ph. Chasles, Sainte-Beuve, u. A. wären ohne sie nicht möglich gewesen.
Nachdem wir im Vorstehenden das Wiehtigste über den Gegensatz der klassischen und romantischen Poesie in Frankreich gesagt haben, wiederholen wir es, dass wir die romantische Poesie für eine bedeutende Erscheinung, für einen wahren Fortschritt halten, welcher zu schönen Hoffnungen für die Zukunft berechtigt. PFreilich hat der entfesselte Strom der Reform, indem er die alten künstlichen Dämme durchbrach, viel Schlamm und Geröll mit sich geführt; aber er hat auch schöne grüne Auen geschaffen, an denen sich Auge und Herz erquickt. Das Hauptverdienst der neuromantischen Dichter besteht jedoch darin, dass sie den Boden der Sprache und Literatur umgepflügt und urbar gemacht haben, so dass er forthin jede Pflanze ernähren kann. Dass auf dem gelockerten Boden nun auch das Unkraut reichere Nahrung findet, falls man es hier bauen will, ja, dass es hier bereils in üppiger Fülle aufgeschossen ist, kommt nicht auf Rechnung derjenigen, welche ihn urbar gemacht haben; das haben die- jenigen zu verantworten, welche solch bösen Samen ausstreuen; nur eine ungerechte oder kurzsichtige Kritik, wie sie besonders in englischen Zeilschriſten zuweilen laut geworden ist, kann das Post hoc, ergo propter hoc hier in Anwendung bringen wollen. Und hat nicht das


