19
Wörter und andere. Ferner gehören alle die Schriftsteller hierher, welche durch gründliche Studien Licht über fremde Völker und ferne Zeiten verbreiteten, insofern sie die ob- jective Wahrheit suchten und nicht, wie z. B. Voltaire, die Geschichte ihren Lieblingsan- sichten dienstbar machten; wir nennen die Historiker Thierry, Barante, Thiers und Ouinet, den Uebersetzer von Heeren's Ideen. Neben der Einwirkung der durch Frau von Staél in Frankreich bekannt gewordenen deutschen Literatur, aus welcher Werke von Göthe, Schiller, Jean Paul, Tieck, Hoffmann u. a. ins Französische übersetzt wurden ist der Einfluss der englischen Literatur, besonders durch Shakspeare, Byron und W. Scott merkbar, obwohl es nicht an wunderlichen Misverständnissen der deutschen wie der englischen Schriftsteller fehlt.
Als ein entsch eidendes Ereignis betrachten wir das Erscheinen von Lamartine’s Mécdila- lions poéliques im Jahre 1820, mit denen dieser seine schriftstellerische Laufbahn eröffnete. Diese an Bernardin de Saint-Pierre, mehr noch an Chateaubriand erinnernden Gedichte be- singen die Natur, die Liebe und die religiöse Andacht in einer Weise, welche bis dahin bei französischen Dichtern unerhört war. Alles, was das Menschenherz bewegt, klingt in ihnen wider. Sein Gefühl strömt warm und voll und seine Verse gleiten in schöner Harmonie dahin. Der grosse Beifall, mit welchen sie von empfänglichen Gemüthern aufgenommen wurden, regte die jüngeren Dichter mächtig an und bald nachher erzählte man sich in Paris von einigen jungen Leuten, welche dem klassischen Geiste zuwider dichteten und ihre poetischen Irrthümer auch theoretisch zu begründen wagten. Die vornehme Verachtung, mit welcher die Klassischen Dichter auf sie herabsahen, entmuthigte die kecke Jugend nicht. Sie sprachen mit Ver- ehrung von den Meistern der Kunst, Corneille und Racine, welche trotz des Regel- zwangs, unter dem sie geseufzt, doch grossartige Dichterwerke geschaffen hätten. Mit Bestimmtheit unterschieden sie aber von diesen das kleine nachgewachsene Ge- schlecht der Dichter und Kritiker, welche die Poesie für alle Zeit in den Kreis der Nachahmung. jener grossen Dichter bannen wollten*). Sie nahmen für sich das Recht freier Bewegung in Anspruch, in einer Kunst, wo der Geist frei walten müsse. Da sie nicht selten von der vorklas- sischen Zeit der Literatur sprachen, wo freie Bewegung in einer ungefesselten Sprache gestattet war, auch vom Christenthum mit einer Verehrung redeten, welche den Gegnern sehr unange- messen und überflüssig schien, so sahen sie sich bald mit dem Namen Romantiker belegt, welcher an das Mittelalter und seine bei der liberalen Partei so unbeliebten Institutionen er- innern und dadurch den jungen Dichtern schaden sollte. Diese nahmen jedoch den Namen willig hin, durch welchen sie vorläufig als eine partei anerkannt wurden und rechtfertigten ihr Streben durch den Beweis, dass mehrere geachtete Schriftsteller, wie Chateaubriand und La- martine, ein ähnliches Ziel verfolgten.
—
*) lmiter? ruft V Hugo aus; Le reflet vaut-il la lumière? Le satellite qui se traine sans cesse dans le
meme cercle vaut-il''astre central et générateur? Avec toute sa poésie, Virgile n'est que la lune d'Homère. Cromupell, Préface.
3*


