Aufsatz 
Die neuromantische Poesie der Franzosen
Entstehung
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schadlos zu halten suchten. Ein gründliches Studium seiner Muttersprache führte ihn auf die vorklassische Literatur, besonders auf den originellen Rabelais und den naiven Regnier zurück. Daher sein natürlicher Ausdruck, welcher z. B. das Meer kühn(denn das war Kühnheit nach den Begriffen der Klassiker) la mer nennt, und mit gesundem Takte auf Neplune, Thätis und die plaine liquide der Klassiker Verzicht leistet. Der ungeheure Er- folg seiner Lieder, denen er das ganze Denken und Fühlen, das Hoffen und Fürchten, das Lieben und das Hassen seiner Nation zum Inhalte gab, nôthigt zu der Annahme, dass sie auch formell, als poetische Produkte, den Horizont des Geschmacks erweitert haben. Obwohl er hin- sichtlich seiner religiösen und politischen Ansichten ganz dem achtzehnten Jahrhundert ange- hört und demnach die grossen Ideen des Mittelalters als Barbarei und Aberglauben behandelt, obwohl er manche Chanson gedichtet hat, welche zur Ehre der sittlichkeit lieber nicht gedichtet sein sollte, hat er doch wesentlich dazu mitgewirkt, den Romantikern den Weg zu bahnen*).

Dem Streite der Klassiker und Romantiker ebenso fern stehend wie Béranger, wirkte Courier,(1773 1825) der geistreiche und gelehrte Philolog und Artillerieoffizier, auf seine Weise für die neue Dichtung**). Nur wenige Schriftsteller haben eine solche Herrschaft über die Sprache gehabt, wie er. In den Proben seiner Uebersetzung des Herodot wendet er die alte, naive Sprache Amyot's an, und wie er damit über die Grenzen der klassischen Sprache hinausgeht, so thut er dasselbe, indem er in seinen Pamphlets die einfache, ungekünstelte Sprache des Landvolks gebraucht. Er bekennt sich durch dieses Verfahren zu der Ansicht Béranger's, welcher sagt: s'il reste de la poésie au monde, c'est, je n'en doute pas, dans les rangs du peuple qu'il faut Paller chercher.

Das Streben, die conventionelle Sprache durch Wiederbelebung manches schönen alten Worts, welches die Klassiker mit Unrecht aufgegeben hatten, zu erfrischen und zu verjüngen, reiht auch Charles Nodier(geb. 1783.), den Vorläufern der neuromantischen Dichter an; sein Eæamen eritique des dictionnaires frangats wurde deshalb von diesen mit grossem Beifall aufgenommen. Ebenso sind seine Schriften, welche sich durch Geist, Phantasie und eine me- lodische Sprache auszeichnen, ihnen Vorbilder der Darstellung geworden.

Ausser diesen Schriftstellern müssen hier noch alle diejenigen genannt werden, welche das Studium der mittelalterlichen französischen Poesie auf die eine oder die andere Weise beförderten, wie Roquefort durch sein Wörterbuch der romanischen Sprache, Raynouard durch seine Auswahl aus den Liedern der Troubadours, Ch. Pougens durch sein Wörterbuch veralteter

*) Sous le règne de l'abbé Delille j'avais moi-méême projeté l'escalade de bien des barrières. Je ne sais quelle voix me criait: Non, les Latins et les Grecs meêmes ne doivent pos éêtre des modèles; ce sont des flambeaux; sachez vous en servir. Courage donc, jeunes gens!(so nennt er die jüngeren Dichter oft) il y a de la raison dans votre audace. Béeranger, Chansons. Nouvelle préſace 1833.

**) Vergleiche bei Mager, B. 3. S. 98 112 die geistreiche Charakteristik Courier's, eine Mosaik aus allen Schriften Courier's. 5

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