17
gewandelt, Rom und Athen, Memphis und Karthago, Granada und Jerusalem gesehen, in der Hütte des Huronen wie unter dem Zelte des Arabers geruht und in den Urwäldern Amerikas die Poesie gefunden hatte“*), muste eine frischere, vollere, mächtigere Sprache reden als die, welche am französischen Parnasse üblich war. Obwohl er auch in gebundener Rede schrieb, und schon früh dem Alexandriner eine freiere Form gab, scheint er die Form des Verses als ein Hindernis seiner Darstellung angesehen und deshalb verlassen zu haben. Er ist der eigentliche Vater der edelsten Elemente der neuromantischen Dichtung.
In einer ganz anderen Weise ist A. Chénier(1762— 1794) ein Vorläufer der neuen Dichtung. Die Idyllen und Elegien des Mannes, dessen Mutter eine Griechin war, athmen einen wahrhaft antiken Geist. Mit Chateaubriand gab er dem steifen, ermüdenden Alexandriner die freiere und schönere Form, welche wir bei den jungen Dichtern wiederfinden.
Sowohl durch ihre eigenen dichterischen Schöpfungen als durch eine richtigere Theorie erwarb sich die geniale Frau von Staél(1766— 1817) grosse Verdienste um die neue Richtung der Literatur. Schon vor ihrer Bekanntschaft mit der deutschen Literatur sprach sie in ihrem Essai sur la fiction(1795) eine freiere Ansicht über das Wesen der Poesie aus; sie verwirft alle Mythologie und Allegorie und verlangt die Darstellung menschlicher Leidenschaften. Von Napoleon, dessen Kaiserplänen der Gesellschaftskreis ihres Hauses feind- lich war, aus Paris und Umgegend verbannt, lebte sie auf Reisen in Deutschland und Italien. Ihr Aufenthalt in Weimar(1803) machte sie mit Wieland, Göthe und Schiller näher bekannt. Der deutsche Romantiker A. W. Schlegel, ihr Reisegefährte, war ihr Führer auf dem Felde der deutschen Literatur. Die Frucht dieser Studien was ihr Werk de Allemagne,(1810) welches Napoleon als ein dem französischen Geiste feindliches Buch vernichten liess. Obwohl dieses Buch, welches an die französischen Zustände den bis dahin ungewohnten Masstab deutscher Bildung legt, in Frankreich wie in Deutschland mancherlei Anfechtung erlitt, so verbreitete es doch, so ungenügend es immer ist, richtigere Ansichten über Deutschland und besonders über deutsche Literatur und lenkte überhaupt den Blick der Franzosen über die engen Grenzen ihres Geschmacks hinaus.
Wiederum ganz anders und eigentlich sehr absichtslos, aber nicht minder bedeutend wirkte der Liederdichter Béranger(geb. 1780), für die Entfesselung der Sprache und des Geschmacks. Für seine dichterische Entwickelung war es ein Glück, dass er seiner Armut wegen nicht die regelmässigen Wege gehen konnte, auf denen man sonst zu höherer Ausbil- dung gelangt. Seine Unbekanntschaft mit dem klassischen Alterthume schützte ihn vor der üblichen sklavischen Nachahmung desselben. Garçon d'auberge, imprimeur et commis** kannte er nur die Sprache, in welcher er seine Chansons sang, ces mémoires chantants, wie er sie nennt, durch welche sich die Franzosen zu allen Zeiten für jede Art von Druck
——⏑::EOPn
*) Mager, Band 3. S. 33. **) Le tailleur et la fée.


