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schlimmsten Begriff verbinden und sie für alles Unheil der späteren Zeit verantwortlich machen wollen, oder wie die Anderen, welche alles Gute, was die Neuzeit hat, von ihr herleiten, man wird zugeben müssen, dass eine Zeit der Analyse, welche alles in Zweifel zog, in dem- selben Masse der Poesie ungünstig sein muste als sie für die Ausbildung der Prosa günstig war; wenn es gleich in diesem Jahrhundert an Versen noch weniger gemangelt hat als in dem vorhergegangenen.
Der gröste Dichter des achtzehnten Jahrhunderts, Voltaire, der Sohn und Vater seiner Zeit,(1694— 1778), welcher mit J. J. Rousseau und Didérot vorzüglich das„philosophische“ Streben dieser Zeit repräsentiert, ahmte in seinen dramatischen Dichtungen die Klassische Form Corneille's und Racine’s mit grossem Glück nach, legte jedoch, da Belehrung überall sein Ziel war, diesen philosophischen Geist hinein. Die übrigen Trauerspieldichler ahmten Racine und Voltaire nach; eben so sind die Lustspieldichter dieser Periode Nachahmer Moliére's, obwohl auch die drei vorzüglichsten unter ihnen, Le Sage, Piron und Gresset, hinter ihrem Vorbilde zurückgeblieben sind. Von den bahnbrechenden Lustspielen Didérot's und Beau- marchais', von welchen der erstere bedeutend auf Lessing gewirkt hat, wird weiter unten die Rede sein.
Die Lyrik, deren OQuell das volle Herz des Dichters ist und die nur sich selbst zu Dank singt, hatte schon unter Ludwig XIV. keinen würdigen Vertreter gefunden, weil die Dichter jener Zeit zunächst äussere Zwecke im Auge hatten. Auch im achtzehnten Jahrhundert machte sie durch J. B. Rousseau, le moins lyrique de tous les hommes à la moins lyrigue de loutes les 6eodues*) keinen Fortschritt, welcher die deutsche Beurtheilung veranlassen könnte, in das Lob der älteren französischen Kritiker einzustimmen. Der Mangel innigen Gefühls ist nicht durch eine pomphafte Sprache und durch schön gebaute Verse zu ersetzen; überdies war dieses Jahrhundert in Frankreich aller Poesie ungünstig. Selbst Lebrun,(† 1807), von seinen Landsleuten durch den Namen Lebrun-Pindare geehrt, konnte, so hoch er auch über allen Iyrischen Dichtern seines Jahrhunderts steht, nicht das werden, was er bei seinem grossen Talente unter glücklicheren Umständen hätte werden müssen.
Die letzten dürren Ausläufer der klassischen Poesie dieses Jahrhunderts, welche sich bis in das neunzehnte hineinziehen**), sind die Dichter der didaktischen und beschreibenden Schule und die Trauerspieldichter des Kaiserreichs und der Restauration, welche man, da sie Nachahmer von Nachahmern sind, wohl die classiques de la décadence nennt. Die ersten haben, was den Stoff ihrer Dichtungen betrifft, ihr Vorbild in des Engländers Thomson„Jahrszeiten“ gefunden. Wie hoch man in Frankreich diese Gattung stellte, welche, der Prosa am nächsten verwandt, gewöhnlich den Verfall der Dichtkunst anzeigt, beweist der grosse Dichterruhm
*) Urtheil Sainte-Beuve's. **) La queue du 18e siècle tramne encore dans le 19e; mais ce n'est pas nous qui la lui porterons. V. Hugo.


