Aufsatz 
Die neuromantische Poesie der Franzosen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

da war, beachtete er auch die Bedürfnisse des Volks. In Frankreich steht er mit Corneille

und Racine auf gleicher Höhe des Ruhms und hat vor ihnen noch das voraus, dass er. für alle Nationen klassisch ist, während jene nur klassische Dichter Frankreichs sind. Deshalb steht er nebst seinen Nachahmern unserer Aufgabe ferner, denn die neuromantischen Dichter, deren Wahlspruch La nature et la rérité ist, konnten zu einer Dichtungsart, welche im Ganzen denselben Grundsatz verfolgen muste, in keinen Gegensatz gerathen.

Bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein sehen wir noch eine Anzahl von Dichtern zweiten Ranges mit mehr oder weniger Glück ganz den Weg verfolgen, welchen das Zeitalter Ludwigs XIV vorgezeichnet hatte. Da sie nur Nachahmer jenes Zeitalters sind, so ragen sie auf keinerlei Weise hervor. Bald jedoch änderte sich die Richtung der Zeit. Die Auf- hebung des Edikts von Nantes(1685) hatte eine grosse Anzahl Protestanten aus Frankreich in andere Länder geführt; diese rächten sich für die erlittene Kränkung durch Angriffe auf den König und den Katholizismus. Ihre Schriften drangen in Frankreich ein und steigerten hier die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden und die Verachtung der Gesetze. Grossen Einfluss hatte ein Mann, welcher in den Niederlanden eine Zufluchtstätte gefunden hatte. Der gelehrte Bayle,(r 1706), der Vorläufer der Encyklopädisten Didérot, d'Alembert und Helvétius, bekannt durch seinen bezeichnenden Ausspruch: Je Proteste conlre lout ce qui se dit el

se fail, errichtete in seinem Dictionnaire historigue et critigue die Rüstkammer, aus wel-

cher spätere Schriftsteller ihre Waffen entlehnten, um eben so wohl die wirklichen Misbräuche und Schäden der Gesellschaft als auch die heiligsten Güter der Menschheit mit leichtsinnigem Spotte anzugreifen. Schon in der letzten Zeit der Regierung Ludwigs XIV halte sich auch die Denkart des Hofes wesentlich geändert; mit seinem Tode(1715) fielen auch die äusseren Schranken der feinen Sitte und des Anstandes, in welchen sich bis dahin auch die Sittenlosigkeit gehalten hatte. Der Einfluss des zügellosen Lebens am Hofe des Regenten wurde, wie nach anderen Richtungen, so auch bei den Schriftstellern sichtbar, zunächst bei denen, welche in der Umgebung des Hofes lebten. Wir erinnern hier nur an Chaulieu, den gewandten Dichter des epikuräischen Lebensgenusses. Ein Geist der Gleichgültigkeit gegen sittliche Grundsätze, des Zweifels über Ansichten, die bis dahin in Achtung gestanden hatten und eine Gewohnheit, über alles zu scherzen und zu spotten verbreitete sich nach allen Seiten. Auch in der Poesie fieng man an zu raisonnieren. Fontenelle,(geb. 1657), gab in seinem hundertjährigen Leben das ver- führerische Beispiel einer ungründlichen Polyhistorie, indem er in Prosa wie in Versen über alles Mögliche oberflächlich aber elegant schrieb. Freilich ist nicht zu läugnen, dass auf diese Weise auch Kenntnisse verbreitet und zum Gemeingut der Nation gemacht wurden; die Schriftsteller trafen ja den leichten gefälligen Ton, dessen es bedarf, wenn die Leser

mittels angenehmer Unterhaltung auch in ernste Dinge möglichst mühelos eingeführt werden

sollen. Mag man über diese Richtung auf Aufklärung denken wie die Einen, welche damit den