Aufsatz 
Die neuromantische Poesie der Franzosen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

den Dichter La Fontaine un homme que nul n'gala jamais dans Part de donner des grãces à la raison et de la gaieté au bon sens. Einige andere Vorschriften der Poetik Boileau's werden weiter unten, wo die Theorie der neuromantischen Dichter zu be- sprechen ist, eine passendere Stelle finden.

Wir schliessen die Betrachtung desgoldenen Zeitalters der französischen Literatur, dessen Theorie in Boileau und dessen Praxis in Jean Racine gleichsam verkörpert vor unsern Augen steht, mit einer Hinweisung auf die gleichfalls in dieser Zeit mit Vorliebe gepflegte Gartenkunst, deren berühmteste Schöpfung der Garten von Versailles ist. Diese Gartenkunst ist nicht weniger in Frankreich und ausserhalb gepriesen und nachgeahmt worden als die Literatur dieser Epoche. In beiden érscheint die naturwüchsige Entwickelung durch die Schere der Kunst gehemmt. Die Bäume wachsen nach der Vorschrift des Gärtners Le Nötre, die Dichter dichten nach Aristoteles-Horatius-Boileau. Die prächtigen Springbrunnen dieser Gärten sind mit den Standbildern antiker Götier und Heroen geziert, die Dichtungen sind mit mythologischen Beziehungen geschmückt; die Räume der Gärten sind regelmässig, licht und sauber, die Dichtung ist einfach, klar und zierlich.

Dies ist der Königspark. Rings Bäume, Blumen, Rasen;

Sieh, wie ins Muschelhorn die Steintritonen blasen! Die Nymphe spiegelt klar sich in des Beckens Schoss;

Sieh hier der Flora Bild in hoher Rosen Mitten,

Die Laubengänge sieh, so regelrecht geschnitten,

Als wärens Verse Boileau's*).

Von Molière haben wir bisher noch nicht gesprochen, weil er schon durch die poetische Gattung, welche er pflegte, eine weit grössere Freiheit genoss. Das Lustspiel steht dem Leben näher; seine Sprache ist, zumal in den prosaisch geschriebenen Stücken, die Sprache des gewöhnlichen Lebens und darum natürlich und weniger künstlich conventionell. Dazu kam, dass er die Regeln des Lustspiels, welche ihm nicht zusagten, unbeachtet liess, um desto mehr auf die Regeln zu achten, welche in der Natur, im Wesen seiner Kunst und der Sprache begründet waren. Ohne den Hof aus den Augen zu verlieren, für welchen er gerade vorzugsweise

*) Geibel's Gedichte. Sanssouci. Vergl. Boileau, Art. poél. Ch. 3. Ce west pas que j'approuve, en un sujet chrélien, Un auteur follement idolâtre et paien.

Mais dans une profane et riante peinture,

De n'oser de la fable employer la figure:

De chasser les Tritons de l'empire des eaux, D'ôter à Pan sa flate, aux Parques leurs ciseaux; D'empecher que Charon dans la falale barque, Ainsi que le berger ne passe le monarque;

G'est d'un scrupule vain s'alarmer sottement,

Et vouloir aux lecteurs plaire sans agrément.