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er seinen Helden selbst in der Glut der Leidenschaft die besonnene Sprache des Schicklichen. Durch diese negativen Tugenden wie durch den unübertrefflichen Wohlklang seiner Verse und seine edle reine Sprache erwarb er sich den Ruhm des vollendetsten Dichters seiner Zeit; noch jetzt halten ihn viele seiner Landsleute für den ersten Dichter aller Zeiten und Nationen.
Als Repräsentant der poetischen Kritik jener Zeit steht der bewunderte und gefürchtete Boileau da, dessen Name der Inbegriff aller Vorzüge und Fehler der französischen Literatur unter Ludwig XIV ist. Ein Geistesverwandter Malherbe's und Cin der späteren deutschen Literatur) Ramler's, hütete er wie keiner das heilige Feuer des damaligen Geschmacks. Er stellte, wie später in der deutschen Literatur Lessing, die schlechten Dichter in ihrer Blösse dar; da seine Richtung aber einseitig war, so sank unter seiner scharfen Sichel auch manche liebliche Blume, bloss weil sie nicht nach seinem Sinne blühte*). Er war durch das Studium des klassischen Alterthums gebildet, hatte viel Scharfsinn in der Beurtheilung der Schrift- steller. Nach Horazens Muster dichtete er, wie dieser, Oden, Satiren, Episteln und eine Poetik in klassischer Sprache und schönen kunstgerechten Versen. Seine poetischen Grund- sätze drangen wie Orakelsprüche durch und sind noch jetzt die Schlagwörter des Geschmacks, welchen sie lehren. Wie beschränkt und unwahr aber seine Ansicht von der Poesie ist, das beweisen, ausser seinen unglücklichen Oden, viele seiner theoretischen Vorschriften, unter denen sein stetes Zurückkommen auf den gesunden Menschenverstand,(bon sens) sich wun- derlich genug ausnimmt, da er ja zu den(in der Poesie) kühlen, besonnenen Franzosen redete, keineswegs aber die Glut der spanischen Phantasie zu zügeln hatte. Neu ist freilich seine Ansicht von dem bon sens nicht, da schon St. Evremont gemeint hatte: La poéäste demande
an génie parliculier qui ne s'qccommode pas trop bien avec le bon sens**⁵ε). Und wie diese Ansicht schon vor Boileau galt, so galt sie auch noch lange nach ihm: La Harpe nennt
*) Wir erinnern nur an den begabten Operndichter Quinault, welchen jedoch die Gunst des Publikums gegen Boileau's furchtbare aber ungerechte Beurtheilung schützte. Aber wie sehr hat wohl V. Hugo Recht, wenn er fragt, wie vieles der dürre Hauch dieser Kritik angeweht und im keime versengt habe? Que de beautés nous coütent les gens de goüt, depuis Scudéry jusqu'à La Harpe! On composerait une bien belle oeuvre de tout ce que leur souffle aride a séché dans son germe.
**) Bouterweck Band 6. S. 316. Wir heben aus Boileau's 4Ark pwelique einige hierher gehörende Stel- len aus:
Quelque sujet qu'on traite, ou plaisant ou sublime,
Que toujours le bon sens s'accorde avec la rime. Chant I. Aimez donc la ratson. Que toujours vos écrits
Empruntent g'elle seule et leur lustre et leur prix. Chant I. Evitons ces excès: laissons à''Italie
De tous ces faux brillants l'éclatante folie.
Tout doit tendre au bon sens- mais pour y parvenir,
Le chemin est glissant et pénible à tenir.
Pour peu qu'on s'en écarte, aussitôt on se noie;
La raison, pour marcher, n'a souvent qu'une voie. chanl 1.
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