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die Akademie in den späteren Auflagen ihres Wörterbuchs dem vorangeschrittenen Sprachgeiste nur die allerunvermeidlichsten Zugeständnisse gemacht.
Nicht minder beschränkend und hemmend wirkte sie auf den Geschmack in der schönen Literatur, besonders in der Poesie*). Sie hatte ihren sitz in Paris, welches seit langer Zeit auch für die Literatur so sehr Centralpunkt geworden war,„dass ein Schriftsteller nur hier zu Anerkennung gelangen konnte. War der Geschmack der Hauptstadt schon an und für sich von dem Geschmacke eines gebildeten Hofes abhängig, so wurde dieser Einfluss durch die Akademie noch gesteigert, weil ihre Mitglieder, vom Hofe erwählt und wenigstens hinsichtlich ausserordentlicher Gunstbezeigungen fortwährend von demselben abhängig, sich pereitwillig dem fügten, was dort gefiel**). Dass der Dichter, um mit Schiller zu reden, in des grösseren Herren Pllicht steht und der gebietenden Stunde gehorcht, fand auf die Dichter, welche in der Nähe des prachtvollen Hofes Ludwigs XIV. lebten, keine oder nur eine sehr geringe Anwendung. Ihr Dichterberuf wurde durch ihre Lebens- stellung ein äusserlicher, äusseren Zwecken dienender. Nicht innere Nothwendigkeit schuf die grossen Dichterwerke dieser Zeit; sie waren auf den Beifall der höchsten Lebenskreise berechnet und deshalb mit beständiger Rücksicht auf das, was sich dort schicke, ausgeführt. Die Poesie muste mit der geschmackvollen Pracht, welche den König umgab, in Einklang gebracht werden. Zunächst litt unter diesen conventionellen Rücksichten die dramatische Poesie, welche vorzugsweise das Leben des Hofes zu verschönern hatte; bald jedoch verbreitete sich ihr erkältender Hauch über alles, was Poesie heisst.
Zu diesen beengenden Rücksichten kam noch das schon oben erwähnte Gesetz, nach den Mustern des klassischen Alterthums zu dichten, dessen schönes Ebenmass zwischen Stoff und Form der Würde des Hofes besonders angemessen schien. Leider aber sollte auch hier wie-
Franzosen so hoch stehende bon sens gar keinen vernünftigen Grund angeben kann, im Laufe der Zeit beseitigt hätte; aber ihr Wirken war immer mehr negativ, es bestand besonders in einer Zähig- keit des Versagens. Warum muss man noch im Jahre 1852 schreiben les bonnes gens, während man schreiben muss les gens soupçConneux? Warum schreibt man quatre-vingts hommes neben quatre-vingt-trois hommes? Ist das Wort tout,(ganz) welches die deutsche Sprache in den nach- stehenden Beispielen adverbial fasst, Adverb oder Adjectiv? Man muss schreiben ils sont tout savants; aber elle est toute savante und elle est tout aimable. Und ertödtet man nicht das Gefühl für das Leben der Sprache, wenn man beſſenlt, dessein(Plan) und dessin(Zeichnung) zu schreiben? Beide Wörter sind doch eins und dusselbe nach Abstammung, Begriff und Aussprache! Vermuthlich hat man Misverständnisse vermeiden wollen; aber wie verhütet man diese beim Sprechen? Für solche Unerklärlichkeiten ist die Aeusserung, welche man wohl von Franzosen hört: mais, mon- sieur, c'est le génie de la langue! ein schlechter Trost.— *) Was sie als Korporation etwa versäumte, das holte eins ihrer Mitglieder, der immer kritisierende Boileau, in irgend einer seiner Schriften auf eigene Hand getreulich nach. **) Mais de ce style enfin la cour désabusée, Dédaigna de ces vers l'extravagance aisée. Boileau. Art poGl. Ch. I.


