Aufsatz 
Die neuromantische Poesie der Franzosen
Entstehung
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sischen Geschmacke sagte Malherbe aber so sehr zu, dass Regnier, der erste klassische Satirendichter Frankreichs,(1573 1613) dessen Gedanken ungleich eigenthümlicher sind und dessen Sprache noch viele liebliche Züge der altfranzösischen Naivität bewahrt hat, gegen den glatten Malherbe sehr in den Hintergrund treten musste*.

Von Malherbe und Regnier bis auf Corneille hat Frankreich keinen Dichter von höherer Begabung aufzuweisen. Was sich in dieser Zeit von dichterischer Begeisterung fand, rettete sich in die freiere Form des Romans, welche um so beliebter werden musste, als bei den eigentlichen Dichtern das Streben nach Verständigkeit zunahm; eine sehr natürliche Erschei- nung, welche wir im achtzehnten Jahrhundert wiederfinden, wo wahrhaft dichterische Naturen wie J. J. Rousseau und Bernardin de Saint-Pierre in Prosa schrieben, während die unpoetischen Dichter an der Form des Verses festhielten.

Die Zeit, während welcher der allmächtige Richelieu das Ruder des Staats führte, (1624 1642) bahnt den Weg zum goldenen Zeitalter der Literatur, welches nicht durch ein Machtwort Ludwigs XIV. ins Leben gerufen werden konnte. Richelieu schätzte die schöne Literatur und dichtete selbst. Durch reiche Jahrgehalte und Geschenke ermunterte er Dichter und Gelehrte. Als dauerndes Denkmal dieses Strebens steht die von ihm im Jahre 1635 gestiftete französische Akademie da. Vierzig bedeutende Gelehrte und Schriftsteller sollten durch ihre vereinten Arbeiten über Sprache und Geschmack wachen. Von den vier grossen Arbeiten, welche die Akademie ausführen sollte, ist nur eine, das Wörterbuch(zuerst 1694) Zzu Stande gekommen. Wenn sich die Vierzig auch unzweifelhafte Verdienste erworben haben, so ist doch nicht minder gewis, dass der Geist, in welchem sie arbeiteten, der Sprache wie der Literatur nachtheilig geworden ist. Die ohnehin nicht reiche französische Sprache sollte im Wesentlichen durch das Wörterbuch zum Abschluss gebracht werden; in der Meinung, dass die Sprache bereits einen hohen Grad von Ausbildung erreicht habe, wollte man festsetzen, wie fortan geschrieben und gesprochen werden sollte. Der so abgeschlossene Sprachschatz lag fertig da, wie der Sprachschatz einer todten Sprache, ein unverletzliches Heiligthum für den schöpferischen Dichtergeist, wie für den scharfsinnigen Grammatiker, welche sich an den einmal gezogenen Grenzen genügen lassen mussten**). Ungern und nach langem Zögern hat

*) Victor Hugo beklagt dies in folgenden Worten: Dans la seconde moitié du 17 siècle il s'éleva une mémorable école de lettrés qui soumit à un nouveau débat toutes les questions de poésie et de grammaire dont avait été remplie la première moitié du meme siècle, et Qut décida, à tort selon nods, Pour Halherbe contre Regnier. La langue de Regnier qui semblait encore très-bonne à Molière, parut trop verte et trop peu faite à ces sévères et discrets écrivains.

Lilt. et philos.

*) La langue française, sagt V. Hugo, n'est point æee, et ne se fixera point. Une langue ne se fixe pas. L'esprit humain est toujours en marche, ou, si Pon veut, en mouvement, et les langues avec lui. Quand le corps change, comment l'habit ne changerait-il pas? Die Ansichten über das Wirken der Académie française sind sehr getheilt. Wir denken, dass sie einen guten Gebrauch von ihrer grossen Gewalt hätte machen können, wenn sie allerlei Sprachgebrauch, für welchen der bei den

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