Aufsatz 
Die neuromantische Poesie der Franzosen
Entstehung
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welche man der lateinischen glücklich nachgebildet hatte, bereichert, während die minder glücklich gehobenen Schätze nach einigen Jahrzehnten wieder versanken; ein Vortheil, wel- chen der deutsche Dichter Opitz, der Nachahmer des Dichterfürsten Ronsard, und hauptsäch- lich durch ihn Nachahmer der Alten, der deutschen Sprache begreiflicherweise nicht erringen konnte. Auch muss eingeräumt werden, dass Jodelle's Trauerspiele manche schöne kräftige Stelle enthalten und dass Ronsard als Lyriker nicht immer unglücklich ist*).

Die Nachahmung des klassischen Alterthums, welche diese Dichter in Frankreich ein- pürgerten, würde jedoch nicht so allgemein geworden sein, wenn in dieser Zeit nicht ein zweiter Einfluss begonnen hätte, der Einfluss des Hofes. Der Geschmack des Hofes fieng an auf den Geschmack der Stadt Paris zu wirken, und was in Paris Glück machte, war nun schon seit längerer Zeit gewis, auch in ganz Frankreich Aufnahme zu finden. Dem Hofe aber hatte die Neuerung in der Poesie gefallen. Da also die Gunst desselben, ganz abge- sehen von besonderen Beweisen königlicher Freigebigkeit, für die Schriftsteller von grosser Bedeutung war, so ist es nicht zu verwundern, dass diese jede mögliche und damit auch manche unmögliche Rücksicht auf den Geschmack des Hofes nahmen.

Die gräzisierende und latinisierende Richtung des gefeierten Siebengestirns hatte bereits in dem Streben einiger anderen Dichter ihren heilsamen Gegensatz gefunden, als Malherbe, (geb. 1555), im Sonnenschein der königlichen Gunst seine Dichterlauftbahn begann. Wenn ihn Boileau als den Mann begrüsst, dessen die Zeit bedurfte:

Enfin Malherbe vint, et, le premier en France,

Fit sentir dans les vers une juste cadence,

D'un mot mis à sa place enseigna le pouvoir

Et réduisit la muse aux règles du devoir. etc. wenn er den Dichtern zuruft:

Marchez donc sur ses pas, aimez sa pureté,.

Et de son tour heureux imitez la clarté.

wenn er ihn mit den meisten französischen Kritikern für den Vater der Poesie hält,

so ist dieses Urtheil in so weit richtig, als man bei einem Dichter unter andern auch Wohlklang des Verses und eine reine edle Sprache sucht; die deuische Kritik jedoch denkt anders von der Verstandespoesie Malherbe's, welche dicht an der Grenze der eleganten Prosa steht und von dieser eigentlich nur durch den Vers unterschieden ist. Dem franzö-

*) Als Beleg möge hier der Anfang eines gelungenen Sonetts von Ronsard stehen, welches Béranger in seinem schönen Liede Za bonne vieille glücklich nachgeahmt hat: Quand vous serez bien vieille, au soir, à la chandelle, Assise auprès du feu, devisant et filant, Direz, chantant mes vers, en vous esmerreillant: Ronsard me célébroit du temps que j'estois belle.