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Einfluss des klassischen Alterthums sich geltend zu machen; zu diesem Einflusse gesellte sich der des Hofes; beide zusammen haben die Poesie wesentlich umgestaltet und bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein auf sie gewirkt.
Das in Folge der Eroberung von Konstantinopel(1453) wiedererwachte Studium des klassischen Alterthums hatte von Italien aus seinen Weg auch nach Frankreich gefunden. Franz I gründete, zur Ergänzung der alten Pariser Universität, das Collége royal, welches die humanistischen Studien pflegen sollte. Durch den Unterricht des berühmten Griechen Laskaris, welchem er die Leitung desselben übertrug, wurde die griechische Literatur in Frankreich bekannt. Die Folge davon war, dass die Dichter sich die griechische Dichtung zum Muster nahmen. Etienne Jodelle,(geb. 1532), unternahm es, das französische Theater nach dem Muster des griechischen gänzlich umzugestalten*). Seine Neuerungen im Trauer- spiel hatten das Glück zu gefallen, und in der von ihm eingeschlagenen Richtung bildete sich im Zeitalter Ludwigs XIV. das Theater weiter fort. Schon Jodelle schöpfte, wie die späteren Dichter, seinen Stoff in der Regel nur aus der griechischen und römischen Geschichte; er liess Griechen und Römer wie Franzosen reden und sich bewegen; er gab dem Trauer- spiel bereits den zu rhetorischen Charakter, welcher die Handlung beeinträchtigt, und wandte schon in den Hauptscenen den Alexandriner an, dessen Charakter, wie La Harpe sagt, die Würde(da noblesse) ist. Auch in seinen Lustspielen ahmte er, jedoch weniger ängstlich, die römischen Lustspieldichter Plautus und Terentius nach.
Jodelle stand in seinem Streben nicht allein. In Verbindung mit sechs gleichgesinnten Freunden bildete er das berühmte„Siebengestirn“(la plélade française), welches sich das Ziel gesteckt hatte, den mittelalterlichen Geschmack zu verdrängen und der französischen Dichtung die Würde der antiken zu geben. Diese Dichter wirkten ganze Stellen aus den alten Schriftstellern in ihre Darstellungen ein und machten einen masslosen Gebrauch von der
Mythologie. Pierre Ronsard,(geb. 1525), neben Jodelle über die Freunde hervorragend,
wollte besonders der Lyriker dieser Richtung sein. In der Ansicht, die französische Sprache sei zur Poesie nicht geeignet und der Dichter bedürfe einer neuen Sprache, bildete man eine Unzahl neuer Wörter und Wendungen nach dem Griechischen und Lateinischen, welche neben der Masse historischer und mythologischer Gelehrsamkeit den antiken Geist darstellen sollten, den man mit den Formen gebannt zu haben meinte. Und dabei waren diese Dichter so fest überzeugt auf dem rechten Wege zu sein, dass sie sich und ihren Freunden im Sinne des Horazischen Eregi monumentum aere perennius mit voller Zuversicht unsterblichen Dich- terruhm prophezeiten. Ganz ohne heilsame Folgen war jedoch dieses wunderliche Streben nicht, welches schon der originelle Rabelais in seinen satirischen Romanen geisselte. Die französische Sprache wurde, weil sie eine romanische ist, durch eine grosse Zahl von neuen Wörtern,
*) Bouterweck, Geschichte der Poesie und Beredtsamkeit Band 5, S. 198 folg.


