5
das Verständnis derselben durch Wörterbücher und Erläuterungen gesorgt*); ihren Arbeiten stehen die Bemühungen deutscher Gelehrten würdig zur Seite. Demnach steht fest, dass sich schon früh der bewegliche Geist der Franzosen in poetischen Schöpfungen aller Art kund gab. Schon vor Dante schuf er jene epischen Romane, deren Glanz noch in Ariosto und Tasso zurückleuchtet. Auf gleiche Weise wurde das französische Epos das Vorbild des deutschen, in Stoff und Form**). So arbeitete Heinrich von Veldecke, der Vater der mittelhochdeutschen Poesie, seine Aeneide dem Gedichte des Chrétien de Troyes nach, und früher schon waren die Sagen von Karl dem Grossen und Reinhard dem Fuchse in franzö- sischer Umgestaltung nach Deutschland zurückgebracht worden. Von geringerem Werthe als die epische Ritterdichtung, der eigentliche Glanzpunkt der altfranzösischen Poesie, ist die französische Lyrik, welche sich nach der provenzalischen bildete, ohne ihr Vorbild zu erreichen und wiederum, besonders rücksichtlich der Form, das Vorbild der deutschen Lyrik wurde, um von dieser übertroffen zu werden; denn in ihr zeigt sich schon früh eine Eigen- thümlichkeit, welche sich späterhin in der ganzen französischen Poesie auf eine bedenkliche Weise weiter entwickelt hat. Auch in der Periode ihrer höchsten Blüte ist nicht das Ge- müth der Quell der Lieder, sondern es herrscht die Reflexion, der Witz, der Scharfsinn vor, welche sich in Deutschland erst zeigen, als die Kunst bereits im Verfall war. Eine Ausnahme machen die Dichtungen Karls, Herzogs von Orleans,(† 1466), welcher in seiner langjährigen Gefangenschaft in England tiefempfundene, schwermüthige Lieder sang, welche die Lieder seiner Vorgänger, die Lieder Thibault's, Grafen von Champagne, später Königs von Navarra, († 1253) und Jean Froissarts(r 1401) an Wärme des Gefühls weit übertreffen.
Derselbe reflektierende Charakter zeigt sich auch in den Fabliaux, jenen grösstentheils munteren, der Unterhaltung dienenden Erzählungen nordfranzösischen Ursprungs, welche, ob- gleich in poetischer Form geschrieben, der Prosa näher stehen als der Poesie. Diese Fabliaux wurden von den italienischen Novellisten, von Boccaccio und anderen nacherzählt; wie die Italiener jedoch von dem poetischen Werthe derselben dachten, zeigten sie dadurch, dass sie ihnen die ihrem Inhalte entsprechendere prosaische Form gaben, in welcher die Fran- zosen sie dann häufig wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurückholten.
Bis zur Regierung Franz I.(1515) hatte sich die französische Poesie fast ganz unab- hängig von fremden Einflüssen entwickelt; sie war die Poesie des Volks, welchem sie ange- hörte, sie war national. Auch Clément Marot,(geb. 1495), welcher sich bereits nach antiken und italienischen Mustern bildete, opferte dieser doppelten Einwirkung weder seine Natio- nalität noch seine persönliche Weise. Bei seinen dichtenden Zeitgenossen jedoch beginnt der
*) De tous côtés se réveille le gout et meme la passion des plus anciens monuments littéraires;—— il s'est formé un public empressé d'accueillir tout ce qu'on exhume de ja terre féconde de notre vieille patrie. Paulin Paris.—
**) Wilhelm Wackernagel, Altfranzösische Lieder und Leiche, a. a. 0. 193 folg.


