Aufsatz 
Die neuromantische Poesie der Franzosen
Entstehung
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Verarbeitung des antiken Stoffes gieng der nationale, der mittelalterlich-christliche Geist ver- loren, ohne dass der Geist des Alterthums dafür gewonnen wurde.

Die mittelalterliche Poesie, nach dem Obigen gleichbedeutend mit der romantischen Poesie, hatte das ganze Leben ihrer Zeit nach allen Richtungen darzustellen gesucht; dasselbe hatte die antike Poesie zu ihrer Zeit gethan; auf eine spätere Zeit künstlich übertragen, konnte sie dieses nicht mehr, zumal bei so verkehrter Auffassung. Da sie aber den- noch, vorzüglich bei den Franzosen, eine lange Zeit hindurch herrschte,(wenn ich sage sie, so meine ich das, was die Franzosen aus ihr gemacht hatten), so musste das nationale, wirkliche Leben durch sie auf eine unnatürliche Weise eingeengt werden. Diese conventio- nellen Schranken der Poesie zu sprengen, setzten sich die jungen französischen Dichter unse- res Jahrhunderts zur Aufgabe; sie wollten die moderne Poesie mit dem modernen Leben in Einklang bringen, so wie die mittelalterliche Poesie mit dem mittelalterlichen Leben in Ein- klang gestanden hatte. Zu diesem Ende giengen sie, mit Ueberspringung der klassischen Periode ihrer Literatur, vielfach auf die vorklassische Zeit zurück und deshalb hat man ihr Streben mittelalterlich gefunden und sie Romantiker genannt.

Da sich das Streben und die Berechtigung dieser romantischen Dichter, welche wir zum Unterschiede von den romantischen Dichtern des Mittelalters, neuromantische nennen, nur be- greifen lässt, wenn man den von ihnen bekämpften Klassizismus kennt, so haben wir die Entstehung und das Wesen dieses letzteren zunächst darzustellen; dazu gehört jedoch ein Rückblick auf die vorklassische französische Dichtung.

Die beschränkte Ansicht der französischen Kritiker des achtzehnten Jahrhunderts, als deren Krone La Harpe betrachtet wird, denkt, wenn es sich um französische Poesie handelt, fast ausschliesslich an das Zeitalter Ludwigs XIV und an die weitere Entwickelung, welche der poetische Geist dieses Zeitalters im achtzehnten Jahrhundert fand. Gedenkt sie der frühe- ren Poesie, so geschieht dies nur, um zu beweisen, dass die frühere Zeit nichts hervorge- bracht habe, was sich mit den klassischen Schöpfungen des goldenen Zeitalters messen könne. Zwar erklärt sich eine solche Ansicht zum Theil aus dem Umstande, dass jenen Kritikern eine grosse Zahl von Dichterwerken der vorklassischen Zeit noch unbekannt war, welche später durch den Druck veröffentlicht worden sind; ihren Hauptgrund hat sie jedoch in der festen, abgeschlossenen Geschmacksrichtung, welche weder von den vorklassischen Dichtern Gutes sagen, noch von der Zukunft Grosses erwarten mochte, weil die klassische Periode unüber-

treffliche Muster der Poesie geschaffen habe.

Erst im neunzehnten Jahrhundert haben die Franzosen allgemeiner eingeschen, dass sie schon vor dem vergötterten Zeitalter Ludwigs XIV eine Literatur gehabt haben, welche vor der klassischen wenigstens das voraus hat, dass sie national ist. Französische Gelehrte haben, nicht ohne mannigfachen Einfluss der deutschen Romantik, eine Anzahl von nordfranzösischen und provenzalischen Sprachdenkmälern in ihrer ursprünglichen Gestalt herausgegeben und für