3
Schlegel, welcher später auch den Shakspeare mit bewunderungswürdiger Kunst über- setzte, lehrte überhaupt durch sein Beispiel die wahre Kunst des Uebersetzens, und bald wurden die grossen italienischen Dichter Dante, Petrarca, Ariosto und Tasso durch deutsche Ausgaben und durch gelungene Uebertragungen in Deutschland heimisch gemacht. Darauf kam der Orient an die Reihe, in welchem sie das tiefste und innigste Leben der Phan- tasie fanden. Und wie sie sich, zumal in der frühesten Zeit ihres Strebens, an Göthe, den universellsten deutschen Dichter, mit ungemessener Bewunderung anlehnten, so galt ihnen Shakspeare als das Muster universeller Weltpoesie, der in dem Brennpunkte seiner Genia- lität alle Bezüge des Lebens, der Geschichte, der Zeiten, Nationen und der Natur ver- einigte.
Lässt sich den Romantikern auch manches Verfehlte nachweisen, so haben sie doch nach vielen Richtungen hin sehr segensreich gewirkt; sie haben der deutschen Literatur neue reiche Quellen eröffnet, die Poesie auf die Tiefen des Gemüths zurückgeführt und neue Kunst- formen in ihr heimisch gemacht, das Studium der Dichter des deutschen Mittelalters mächtig angeregt, die Literatur mit dem Leben lebendiger vermittelt, in den traurigen Jahren der Fremdherrschaft das Nationalgefühl belebt und durch ihre bedeutenden kritischen Arbeiten den Grund zu einer umfassenden und kunstvollen Bearbeitung der Literaturgeschichte gelegt. Ihr Einfluss auf die Umgestaltung der französischen Poesie wird weiter unten besprochen werden.
Nachdem wir den schwankenden Begriff des Romantischen einigermassen festgestellt haben, ist das Wort klassisch näher zu betrachten. Nach dem Wiedererwachen der humanistischen Studien benannte man mit diesem Worte die Schriftsteller des griechischen und römischen Alterihums, welche der gelehrten Schulbildung zu Grunde gelegt wurden. Wenn man bei diesen mit Recht die Uebereinstimmung des schönen Inhalts mit der vollendet schönen Form bewunderte, eine Uebereinstimmung, welche man in den Dichtungen des Mit- telalters vergebens sucht, so war man doch in der Aneignung und Nachahmung des Antiken sehr unglücklich. Im siebenzehnten Jahrhundert dichtete man in Frankreich und in Deutsch- land nach klassischen Vorbildern. Aber anstatt die Poesie des Alterthums innerlich zu be- wältigen, anstatt sich mit seinem Geiste zu durchdringen und das Einheimische mit dem An- tiken zu einem organischen Ganzen zu verschmelzen, nahm man die ausgeprägten Formen des- selben für etwas Fertiges, dessen man sich äusserlich bedienen könne. Man fand das Antike in dem Beiwerke, in den Nebendingen, in der Mythologie, in dem Erlernbaren, wie man die Dichtkunst selbst für etwas Lernbares hielt, und sie deshalb in Lehrbüchern zu lehren ver- suchte. Man ahmte die antiken Dichtungsgattungen nach, man bekam auf diese Weise Oden, Epigramme, mythologische Poesie, Schäferpoesie, Satiren, Episteln, Heroiden, Lustspiele und Trauerspiele; statt des Kerns bekam man die Schale. Bei dieser mangelhaften Auffassung und
1*


