Aufsatz 
Die neuromantische Poesie der Franzosen
Entstehung
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Bedeutung. Lag es gleich hauptsächlich in der Aufgabe, welche sich die deutsche Romantik stellte, die bisher verborgenen Schätze der ältern romanischen Poesie ans Licht zu ziehen und mit dem deutschen Geiste zu verschmelzen, so wie man bisher die Form des griechischen und römischen Alterthums mit demselben verschmolzen hatte, so wurde sie doch naturgemäss da- durch auch auf die ältere deutsche Poesie, auf die Poesie des Mittelalters geführt und das Wort romantisch wurde bald als gleichbedeutend mit dem Worte mittelalterlich betrachtet und gebraucht, so dass man das Zurückgehen der Romantik auf die Naturpoesie, auf die Ritter- poesie und die Minnedichtung, so wie auf die christlich-kirchlichen Elemente des gesammten Mittelalters mit dem Ausdrucke romantisch bezeichnete.

Da die neufranzösische Romantik, obwohl von der deutschen wesentlich verschieden, zum Theil aus denselben Quellen stammt und zum Theil dieselben Resultate geliefert hat, wie die deutsche, auch unter entschiedener Einwirkung der deutschen Romantik sich gebildet hat, so scheint es unserer Aufgabe angemessen, Ziel und Streben der letzteren hier mit einigen Worten näher anzugeben. Sie gieng von dem Gedanken aus, dass die Poesie wieder aus den Büchern in das frische Leben, in die wirkliche Welt hinausgehen, dieselbe wieder mit ihrer beseligenden Kraft durchdringen und die Gesellschaft von allem Niedrigen und Gemeinen reinigen müsse. Daher ihr Kampf gegen die Vertreter der gemeinen Spiessbürgerlichkeit in der Literatur, deren Journalist F. Nicolai war. Die Poesie sollte der Mittelpunkt alles Lebens und Strebens werden. Alle tausendfarbigen Erscheinungen der Wissenschaft und Kunst mit ihren unendlichen Reflexen, so sagt Novalis, einer der Hauptvertreter dieser Schule sollen endlich in einem Brennpunkt zusammenstralen und dieser wird auf die Stelle fallen, wo der bithter steht. Da diese Dichter das Mittelalter als die Zeit betrachteten, in welcher die Einheit der Poesie und des Lebens am vollkommensten verwirklicht gewesen, so blickten sie, entzückt von dem Dufte, welcher unserm Auge ferne Berge und ferne Zeiten verklärt, mit Sehnsucht in jene Zeit zurück,wo sich alle Interessen und Richtungen des Lebens im Höhepunkt der Religion sammelten, wo die Kirche ihren heiligen und mächtigen Arm um Alles schlang, um Wissenschaft und Kunst, um Spiel und Feste, um Sitte und Gewerke, um Liebe und ritter- lichen Kampf, endlich selbst um den Staat und seine Macht*). Abweichend von den beiden grösten Dichtern ihrer Zeit, Göthe und Schiller, welche vorzüglich aus dem Quell des klässichen Alterthums schöpften, strebten sie die Poesie auf den Grundlagen des Mittelalters aufzubauen. Sie wählten deshalb sogar den Stoff ihrer Dichtungen vorzugsweise aus dem- selben und sammelten nach dem Vorgange Herders die Legenden, Sagen, Märchen und Volkslieder der deutschen Vorzeit. Nächstdem wandten sie sich der spanischen und italie- nischen Literatur zu, in welcher die Romantik des Mittelalters lebte. Aug. Wilh. Schle- gel übersetzte mehrere Dichtungen Calderons; Tieck den Don Ouixote des Cervantes.

*) Hillebrand, die deutsche Nationalliteratur seit dem Anfange des 18. Jahrhunderts, 3, S. 207.