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Die neuromantische Poesie der Franzosen.
Das bewegliche französische Volk, welches seit der blutigen Revolution vom Jahre 1789 seine Staatsverfassung mehrfach, bald mehr bald weniger gewaltsam umgestaltet hat, hat auf dem Gebiete seiner Nationalliteratur mehrere Jahrhunderte lang eine grosse Anhänglichkeit
an die alte, hergebrachte Form bewiesen. Der poetische Geschmack zumal, welcher, im
Wesenilichen durch den französischen Charakter bedingt, durch die grossen Dichter des Zeit- alters Ludwigs des Vierzehnten seine feste Form erhalten hatte, galt auch im achtzehnten Jahrhundert und noch etwa zwei Jahrzehente darüber hinaus als Mass und Richtschnur aller poetischen Bestrebungen. Dem dritten Jahrzehent unseres Jahrhunderts war es vorbehalten, in Frankreich die unschuldigste aller Revolutionen zu vollenden, eine Revolution auf dem Boden der Literatur, vornehmlich der poetischen. Die jugendlichen Neuerer wurden von ihren Gegnern mit dem Namen Romantiker belegt, welcher ihre Richtung als eine mittelalterliche, abenteuerliche, phantastische, des klassischen Masses entbehrende brandmarken sollte. Sie liessen sich diesen Namen gefallen, gebrauchten ihn selbst mit Vorliebe und die Wörter romantigues und romanlicisme gelten seitdem als die kürzeste Bezeichnung der neuen poe- tischen Richtung, welche den classiques und dem classicisme entgegentrat.
Das Wort romantisch, ursprünglich mit romanisch gleichbedeutend, bezeichnet die Sprache der Italiener, Franzosen und Spanier, welche sich aus der lateinischen Volkssprache, der lingua romana, im Gegensatz zu der lingua latina, in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters gebildet hat. So nannten die Franzosen in der älteren Zeit ein in dieser lingua romana, also in der Volkssprache verfasstes Gedicht Romant. Später ſieng man an, das Charakteristische solcher Romane, also das Abenteuerliche und Phantastische der mittelalter- lichen Ritterwelt, mit dem Worte romantisch zu benennen und so kam es, dass auch prosaische Erzählungen, in welchen dieser Geist herrschte, den Namen Roman erhielten.
Durch die Bestrebungen der zunächst von den Brüdern Schlegel und L. Tieck ver- tretenen deutschen Romantik(etwa vom Jahre 1795 an) bekam das Wort romantisch, gleich- viel ob mit Recht oder Unrecht, eine seiner sprachlichen Abstammung noch ferner liegende
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