Aufsatz 
Die hessischen Fragstücke : ein Beitrag zur hessischen Kirchengeschichte / von Ferdinand V. Lucius
Entstehung
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Wir kommen endlich auf den dritten Beſtandtheil des darmſtädter Katechismus: auf die demſelben noch beigefügten neueren Fragſtücke. Sie ſtehen überall am Schluß der Hauptſtücke, unmittelbar nach den altheſſiſchen Fragſtücken. Es ſind deren im Gan⸗ zen 13. Drei derſelben, dem 4. und 5. Hauptſtück angehörig, haben wir ſoeben beſpro⸗ chen. Die übrigen zehn gehören dem 1. und 2. Hauptſtücke an. Die beiden Fragen am Schluß des 1. Hauptſtücks:Können wir denn auch mit unſern guten Werken Gottes Gebot und Geſetz erfüllen? und:Wer hat denn das Geſetz und die zehn Gebote Gottes erfüllt? weiſen auf unſer Unvermögen, Gottes Gebot zu erfüllen(Erbſünde) und auf denjenigen hin, der für uns dem Geſetz genug gethan und, wie er die Kraft zu guten Werken verleiht, ſo auch den Mangel an denſelben erſetzt gewiß ein paſſender Ueber⸗ gang von dem 1. zum 2. Hauptſtück, vom Geſetz zum Evangelium, vom Zorn zur Gnade. Die Zuſätze zu dem 2. Hauptſtücke ſind die reichlichſten, im Ganzen 8 Fragen. Nach⸗ dem hier ſchon die altheſſiſchen Fragſtücke Gottes Weſen(Dreieinigkeit) ¹) und Willen behandelt haben, ſchließen die neuheſſiſchen, in weiterer Ausführung der drei Glaubens⸗ artikel, daran noch die Lehre von der Perſon und dem Werk Jeſu Chriſti und von der Perſon und dem Werk des heiligen Geiſtes(Glaube und Bekehrung). Verhältnißmäßig ſtark tritt dabei die Lehre von Chriſto hervor in ſechs Fragen, von welchen die Hälfte nur eine katechetiſche Zerlegung des lutheriſchen Fragſtückes über den 2. Glaubensartikel iſt. Wir wiſſen, daß gerade dieſe Lehre vorzugsweiſe die letzten heſſiſchen Generalſynoden bewegt hatte und den eigentlichen Grund legte zu der kirchlichen Spaltung Heſſens, welcher die politiſche auf dem Fuße folgte. Namentlich drehte ſich der Kampf um die Lehre von der Allenthalbenheit Jeſu Chriſti. Unter den in Rede ſtehenden Fragſtücken lautet eines: Glaubeſt du auch, daß Chriſtus, dein Herr, bei ſeiner lieben Kirche allhier auf Erden und auch bei dir ſei? und darauf wird das Bekenntniß abgelegt:Ja, mein lieber Herr Chriſtus, wahrer Gott und Menſch, ein Herr über alles, iſt nach ſeiner Verheißung bei mir und allen ſeinen Gläubigen, der iſt mein Herr und König, welcher, wie er mich erlöſet hat, alſo ſchützt und ſchirmt er mich auch und will mich endlich in ſein herrliches Reich nach dieſem Leben aufnehmen. Dies Bekenntniß zur Allgegenwart Chriſti nach ſeiner göttlichen und menſchlichen Natur iſt im bewußten Gegenſatze zu den Kaſſelern aus⸗ geſprochen. Daß wir vor Gott gerecht und ſelig werden allein durch den Gehorſam und durch das Leiden und Sterben Jeſu Chriſti, iſt der Inhalt des folgenden Fragſtückes. Das letzte Fragſtück endlich handelt von der Bekehrung zu Gott und dem Glauben als dem Werk des heiligen Geiſtes, welches er durch das Wort Gottes und die heiligen Sacramente vollbringt, und leitet ſo in zweckmäßiger Weiſe über zu den Hauptſtücken vom Gebet und den Sacramenten.

Die neuern Fragſtücke zeichnen ſich faſt durchgängig durch Diction und Inhalt aus, namentlich durch einen innigen, herzlichen, kindlichen Ton; insbeſondere gilt dies von Nr. 1, 2, 8, 9, 10 und 13. Sie ſind eine wahre Zierde des darmſtädter Katechismus und werth an der Seite der Fragſtücke Luthers zu ſtehen. Wären die doppelten Frag⸗

¹) Die hier zwiſcheneingeſchobene Frage:Sind denn drei Götter iſt ein neuheſſiſches Fragſtück. 11*