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über ein Jahrzehend wenigſtens für die höheren Lehranſtalten im Segen; es war alſo nahe gelegt, auf Grund dieſes als vortrefflich anerkannten Werkes einen praktiſchen, für die Bedürfniſſe des Volks berechneten Katechismus anzufertigen, wodurch zugleich die catechetiſche Unterweiſung der höheren und niederen Schulen die gleiche Grundlage erhielt.
Und ſo geſchah es denn auch wirklich. Unſer darmſtädter Katechismus iſt auf Grund der von C. Dietrich verfaßten Epitome Praeceptorum catecheticorum bear- beitet, ihr mit faſt allen Fragſtücken wörtlich entnommen.— Dietrich iſt alſo der gei⸗ ſtige Vater unſres Katechismus. Die Perſönlichkeit dieſes Manes iſt uns in dem Ver⸗ laufe dieſer Abhandlung ſchon einmal entgegengetreten; ſie zieht gegenwärtig wieder unſre Aufmerkſamkeit auf ſich, und bei der Wichtigkeit, welche ſie für die kirchliche Ent— wicklung unſeres Landes gehabt hat, gebührt es ſich wohl, etwas länger hier bei ihr zu verweilen.
Conrad Dietrich¹) war am 9. Januar 1575 zu Gemünden an der Wohra geboren. Seine erſte Bildung empfieng er auf dem Gymnaſium zu Marburg. Im Jahre 1591 unternahm er eine größere Reiſe nach Wien, Ungarn, Mähren, Böhmen, Meißen und Thüringen und kehrte dann wieder auf die Univerſität Marburg zurück, um ſich dem Studium der Philoſophie zu widmen. Er wurde 1593 Baccalaureus, 1594 Magiſter. Von nun an wandte er ſich mit Eifer dem Studium der Theologie zu. Winkelmann, Arcularius, Menzer und Molther waren ſeine Lehrer. Er ſelbſt las über Philoſophie und wurde Major der Stipendiaten. Von einer Reiſe durch Fran⸗ ken, Bayern und die Pfalz heimgekehrt, wurde er durch den Grafen Georg Philipp von Solms⸗Laubach 1599 als Feldprediger angeſtellt, folgte jedoch bald darauf einem Rufe des Landgrafen Ludwig(IV.) des Aeltern als Archidiakonus nach Marburg. In dieſer Stellung befand er ſich noch, als Landgraf Moritz die gewaltſame Durchführung ſeiner Verbeſſerungspuncte in Marburg begann. Er ſtand feſt und treu mit ſeinen ehe⸗ maligen Lehrern Winkelmann und Menzer und mit Superintendent Leuchter zu⸗ ſammen und theilte mit ihnen gleiches Schickſal: er wurde am 22. Juli 1605 von Mo⸗ ritz ſeines Dienſtes entlaſſen, von Landgraf Ludwig aber aufgenommen und an dem neu gegründeten Pädagogium und zwei Jahre ſpäter an der daraus ſich entwickelnden Univerſität zu Gießen angeſtellt. Dietrich wirkte hier als Professor philosophiae prac- ticae(beſonders Ethices christianae) und als Pädagogiarch ²), und war einer der erſten, welcher„die Ludoviciana regierten und berühmt machten“. In 1614 folgte er einem Rufe als Superintendent nach Ulm, woſelbſt er 1620 ein Gymnaſium gründete, deſſen Director er bis zu ſeinem Tode(22. März 1639) blieb.
¹) Strieder, Gelehrtenlexikon; desgl. Jöcher, Gelehrtenlexikon.
²) In dem Staatsarchiv findet ſich eine Supplik desſelben d. d. 8. Sept. 1611 vor, in welcher er den Landgrafen Ludwig„um Erlaſſung des officii Paedagogiarchac erſucht, weil bei der Beſchaffenheit der Jugend es ohne viel Zorn, Zank, Streit und Streiche nicht abgehe, er ſelbſt aber von Natur ad iracundiam wohl mehr, denn ſich gebühre, geneigt ſei“. Und doch konnte er ſpäter als Super⸗ intendent es nicht laſſen, ſich die Laſt mit der„lieben“ Jugend freiwillig wieder außzuerlegen, und ſie in aller Geduld bis an ſein Lebensende zu tragen! Er muß alſo doch wohl von Haus aus ein ächter Pädagog geweſen ſein!


