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Nicht alle Gäste hatten es so eilig. Manche lagen noch bei Tische, als Domitian sich schon zurückgezogen hatte; sie hätten so gerne in vertraulichem Gespräch mit den bestechlichen Dienern die Geheimnisse des Hofes erfahren. Andere begaben sich in das Gemach, welches auf der rechten Seite sich an den Speisesaal anschliefst Thl]. Hier sprudelte eine lustige Fontäne, die ihr Wasser in ein eirundes, marmornes Bassin niederfallen liefſs. An diesem sieht man noch jetzt vier kleine Nischen, aus welchen früher wohl kleine Liebesgötter schelmisch zum Spiegel des Wassers hinablächelten. Rings um die Fontäne blühten Blumen in glühenden Farben und aus den grünen Zweigen und rosigen Blättern lugte ein Eros hervor, um siegesgewifs sein kleines Reich zu überblicken. Jetzt pflegt kein Gärtner mehr dieses Beet, aber aus eigenem Antriebe schmücken üppige Pflanzen mit ihrem saftigen Grün das Stückchen Land, welches wie ein Schiffchen im Bassin zu schwimmen scheint. In keinem Zimmer des weiten Palastes fühlt man sich so behaglich wie hier, in diesem Nymphaeum. Doch wäre es uns vielleicht anders zu Mute, wenn wir in Gesellschaft der vornehmen Römer nach der kaiserlichen Tafel diesen Alabastersaal betreten hätten. Einige zwar taumeln herein, von Wein und der Freude berauscht, andere aber setzen sich still an den Rand des Wassers und kühlen ihre heiſsen Wangen. Man sieht an ihren unruhigen Augen, daſs sie etwas quält, daſs sie fürchten, den Kaiser durch ein unbedachtes Wort, durch eine zu freie Miene beleidigt zu haben. Denn nicht immer war Domitian bei seinen Festen guter Laune, nicht alle freuten sich seines Anblickes so harmlos wie Statius, diejenigen, welche eine bedeutendere Stellung im Staate einnahmen, muſsten wolll auf ihrer Hut sein. Der Kaiser gab auf alle acht und benutzte oft gerade die Zeit während der Tafel dazu, die Geladenen zu beobachten. Dann speiste er selbst vorher und lag im Triclinium nur zu Tische, um zu sehen, wie sich die vom Weine erregten Quiriten benehmen würden. Dauerte ihm das Gastmahl zu lang oder war ihm die Gesellschaft zu vorsichtig, so wurden die Gänge in rasender Eile auf- getragen, die Speisen den Gästen mehr vorgeworfen als vorgesetzt. Noch schlimmer behandelte er einst die geplagten Höflinge. Der sonst so prachtvolle Saal war mit schwarzen Tüchern ausgeschlagen, neben jedem Gedeck stand eine Totenkerze, und auf eine schwarze Tafel war der Name des Gastes geschrieben. Die Bedienten waren schwarz gekleidet und reichten in schwarzen Gefäſsen den zum Tode Erschrockenen die Speisen. Ihr könnt euch denken, in welcher Angst die Senatoren und die ersten Männer des Staates nach Hause kamen und wie sie erst erstaunt waren, kurz darauf wertvolle Geschenke vom Kaiser zu erhalten, die sie für die ausgestandene Not entschädigen sollten. Solche Scherze konnte sich Domitian aber erst erlauben, als von der Milde und Enthaltsamkeit, welche er in den ersten Jahren seiner Regierung hier und da gezeigt hatte, keine Spur mehr zurückgeblieben war, als er nur noch darauf ausging, seine wütenden Leidenschaften zu befriedigen und seine grenzenlose Verachtung der ersten Stände des Volkes an den Tag zu legen. Die Strafe blieb nicht aus. Bald fühlte er sich nirgends mehr sicher, überall glaubte er sich verfolgt, bei dem leisesten Geräusche hinter seinem Rücken fuhr er zusammen. Es genügte ihm nicht mehr, dafs starke Wachen auf den Palasttreppen lagerten, dalfs seine Kammerdiener ihm versicherten, er könne ohne Sorge sein. Er wollte stets das ganze Peristyl, in welchem er spazieren zu gehen pflegte, übersehen, und deshalb liefs er die Wände des Portikus mit Platten einer besonderen Marmorart bekleiden, die so glänzten, daſs sie ihm wie Spiegel zeigten, was hinter ihm vorging. So waren die Säle und Hallen, in welchen früher geputzte Gäste an der feinsten Tafel Roms sich niederlieſsen, zum einsamen Verstecke geworden oder, um des jüngeren Plinius Worte zu gebrauchen, zu saevi secessus, in quos timore et superbia et odio hominum agebatur.
Zwischen der Rückseite des Flavischen Palastes und dem Südrande des Berges liegt noch ein ziemlich groſser Platz, welcher im Osten von einem kleinen Portikus(vor No. 22) und zwei grolsen Sälen [22 u. 23] begrenzt wird. Diese Räume gehören allerdings nicht unmittelbar zum Kaiserhause Domitians, müssen aber doch in irgend einer Beziehung dazu gestanden haben. Als sie aufgedeckt wurden, nannte man sie Bibliothek[22] und Akademie[23], und diese Namen führen sie noch, ohne dafs man gerade die Richtigkeit dieser Bezeichnungen beweisen könnte. Beide Säle haben ihre Eingänge von Westen her, die Rückwände sind von halbkreisförmigen Nischen eingenommen. In No. 23 bemerkt man noch die Sitzreihe, welche an den Wänden ringsherum angebracht war. Es läſst sich recht gut denken, daſs hier die Hofdichter und solche, die es werden wollten, vor einem gewählten Publikum ihre Gesänge vortrugen. Die gnädig entgegengenommenen Gedichte wurden dann wohl der nahen Bibliothek einverleibt, um hier für immer Ruhe zu finden. In dem Portikus konnten sich die Gelehrten ergehen und in der frischen Luft ihre Disputationen fortsetzen, wenn es ihnen drinnen zu schwül geworden war. Vielleicht führte der Säulengang nach den Ziergärten des Kaisers, den sogen. Adonea, die hier nach Osten zu gelegen haben müssen. Man hat sogar vermutet, daſs diese Räume zu einer groſsen Thermenanlage gehört haben, die


