Aufsatz 
Aus dem alten Rom : Ein Brief an die Schüler des Gymnasiums / vom Gymnasiallehrer Lohr
Entstehung
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sich bis zum Stadium hin erstreckte. Doch läſst sich hierüber nichts Sicheres behaupten, so lange das Terrain zwischen dem Flavischen Palais und jener Bahn nicht genau untersucht ist. Der Vorlesesaal hat an dem Rande des Berges eine sehr schöne Lage, durch seine Fenster geniefst man eine wundervolle Aussicht, die vielleicht die Gedanken der zuhörenden Römer oft mehr beschäftigte als die langweiligen Verse endloser Heldengedichte. Auf dem Plane vor dem Saale traf man immer Bekannte, denn zum Pa- latium ging jeder gern, um etwas Neues zu höõren. Man unterhielt sich dann so gut, daſs man ganz vergaſs, warum man eigentlich gekommen war und nur zum Schluſs ganz rasch in das Auditorium trat, um den Dichter mit heiserer Stimme die letzten seiner zierlichen Verse vortragen zu hören.

Hatte man diesen Genuſs überstanden, so besuchte man wohl einen der palatinischen Tempel. Der nächste war auf dieser Seite der des Jupiter Viktor, den Fabius in der Schlacht bei Sentinum gelobt hatte, als der Sieg fast in den Händen der Samniter war. Der Unterbau des groſsen Tempels ist noch erhalten[24], auch hat man die lange Treppe, welche einst zu demselben hinaufführte, wieder her- gestellt, aber von der Cella selbst und den Säulen ist nichts mehr zu sehen.

Viel früher war vorn an der ältesten Palatinstralse dem höchsten Staatsgotte ein Heiligtum erbaut worden[25]J. Auch dieser Tempel war in Schlachtennot gelobt. Als die Sabineér, voran ihr tapferer Führer Mettius Curtius, die Römer über das Forum gejagt und den Burgweg hinauf bis zur alten Pforte des Palatiums gedrängt hatten, da hob Romulus seine Waffen gen Himmel und erinnerte Jupiten daran, dafs seine Vögel es ja gewesen seien, auf deren Rat er hier eine Stadt gegründet habe; nun solle er doch die Feinde wenigstens von diesem Hügel fernhalten, den Römern die Furcht nehmen und die schimpfliche Flucht hemmen.Hier gelobe ich dir, dem Stator Jupiter einen Tempel, daſs er ein Denkmal sei für die Nachwelt, wie durch dein hülfreiches Eingreifen die Stadt gerettet worden ist. Im Vollgefühl der Ge- betserhörung wandte er sich dann zu seinen Kämpfern und rief ihnen zu:hinc, Romani, Jupiter optimus maximus resistere atque iterare pugnam iubet. Und es standen die Reihen, Romulus stürmte an die Front, der Kampf begann von neuem und endete mit dem Siege der gottvertrauenden Römer. Jupiter Stator erhielt das versprochene Gotteshaus. Dieses baute dann M. Attilius Regulus weiter aus infolge eines Gelübdes, das er vor Luceria in der heifsen Schlacht gegen die Samniter 295 v. Chr. gethan hatte. Noch jetzt erinnern uns Mauerreste, die von einer Restauration des Tempels in später republikanischer Zeit herrühren, daran, wie sehr die Römer für die Erhaltung dieses Heiligtums sorgten und wie auch die will- kürlichsten Kaiser diese Stätte schonten. Vor dem Tempel war das Reiterbild der Clölia aufgestellt, so daſs jeder, welcher zum nahen Thore hereintrat, an römische Männerkraft und an die Kühnheit einer jungen Römerin erinnert wurde. Von dem Thore sieht man nichts mehr, vielleicht bezeichnet eine aus der Kaiserzeit herstammende Ruine vor dem Tempel die Stelle der alten Pforte. Es war die porta mugonia, welche man so nannte, weil sie wiederhallte von dem Gebrüll der Herden, welche die ältesten Bewohner des Berges durch sie zur Weide trieben.

Von hier brauchten wir nur wenige Schritte zu gehen, um an den Ausgangspunkt unseres Weges zurückzukehren. Aber ich möchte euch einmal wenigstens eine kleine Strecke auch unter die Oberfläche des Berges führen. Eine bequeme Treppe bringt uns bei d aus dem Innern des Flavischen Palastes in einen unterirdischen Gang, welcher mit roh gearbeitetem Mosaik gepflastert ist; an seinen Wänden ist noch die Tünche erhalten. Es war das ein sehr praktisch angelegter Korridor zwischen dem Staatspalais des Domitian und dem Hause des Tiberius, durch welchen die Kaiser aus ihren Privatzimmern zu den öffentlichen Geschäften sich begeben konnten, ohne an der neugierigen Menge vorübergehen zu müssen, welche zu jeder Tageszeit auf dem freien Platze zwischen den Palästen umherstand. Dieser kurze Gang mündet bei i in einen andern, der fast vor der ganzen Ostseite der Anlagen des Tiberius und des Caligula herläuft. Ja, wenn wir den unterirdischen Weg weiter nach Süden hin verfolgen, so können wir bis in die innersten Eingeweide des Berges eindringen. Wir kommen dann in groſse Höhlen, in welchen das Material für die ältesten Bauten gehauen wurde. Aber wir wollen uns dort nicht lange aufhalten, denn es ist in jenen Steinbrüchen unheimlich dunkel und sehr feucht; auch werden euch die grauen bröckligen Wände kaum interessieren. Wir eilen deshalb zu den helleren Teilen des Ganges zurück und werden finden, dafs eine solche bedeckte Halle, in welche das Licht nur durch einige öffnungen in der Decke fällt, an heifsen Sommertagen ein sehr angenehmer Aufenthalt gewesen sein muſs.

. Die Kühle dieses Raumes hatte an dem Todestage des Caligula eine Schar orientalischer Knaben hierher gelockt, welche ihren Waffentanz noch üben mufsten, mit welchem sie an den palatinischen Spielen glänzen wollten. Für dieses Fest war, wie immer, am nördlichen Fufse des Palatin neben der Höhe der sacra via ein Theater aufgeschlagen. Obwohl der Kaiser in der vorhergehenden Nacht einen unangenehmen