Aufsatz 
Aus dem alten Rom : Ein Brief an die Schüler des Gymnasiums / vom Gymnasiallehrer Lohr
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

dieser Ehre gewürdigt werden, das Volk nennt sie dieersten Freunde des Kaisers und beneidet sie nicht wenig. Auch unser junger Römer kannte früher kein höheres Ziel, als zu dieser ersten Klasse der amici gerechnet zu werden, heute kommt ihm jenes Glück sehr entbehrlich vor, der kaiserliche Kuſs hat keinen Reiz mehr für ihn. Wie von einem Alp befreit, atmet er auf, als er die Stufen des Palastes hinabeilen kann, und im stillen wünscht er niemals den Ehrgeiz gehabt zu haben, dem Kaiser guten Morgen wünschen zu dürfen. Unterdessen kommen seine Bekannten auf ihn zu und bestürmen ihn mit den neugierigsten Fragen. Wie war er gelaunt? Was haben die Haruspices gemeldet? Wen hat er geküfst? Welchen Aus-

druck hatte sein Gesicht, als dein Name verlesen wurde? Obwohl es dem Ritter gerade in jenem Moment

so dunkel vor den Augen geworden war, dals er nicht das Geringste sah, so beantwortete er doch diese und die anderen Fragen der drängenden Freunde sehr ausführlich und kam sich unendlich wichtig vor. Bis sie zum Forum hinabgelangten, hatte er die ausgestandene Angst vergessen und glaubte nunmehr selbst, daſs er nächstens einer der angesehenstenFreunde sein werde.

Der Kaiser begab sich nach der langweiligen Morgenfeierlichkeit in den Hofgerichtssaal, welcher sich rechts an die aula regia anlehnte. Dieser Seitenraum ſc] hatte die Gestalt einer Basilika, welche dem Ganzen eines Hauses angepalst worden ist. Deshalb standen im Innern nur auf den beiden Langseiten Säulen, während die der Thüre gegenüber liegende Rückwand von der Tribüne eingenommen wurde. Diese ist mit ihrem Mosaikboden so gut erhalten, als wenn gestern noch der Kaiser hier, unterstützt von seinen geschmeidigen Räten, die wichtigsten Sachen entschieden hätte. Auch von den zierlichen Marmorschranken, welche den Sitz des Richters von dem Platz für das Publikum kaum trennten, sieht man noch ein gutes Stück.

In einem römischen Privathause verbanden die sogen. fauces den vorderen Teil des Hauses mit dem Peristylium und dem Garten. Da aber solch enge Gänge in einem Palaste nicht angebracht waren, so lieſs Domitian auf beiden Seiten breite Korridore anlegen, die sich zu Zimmern erweiterten[dl. In diesen konnte sich die Dienerschaft aufhalten, auch mochte darin manches Geräte untergebracht sein, welches zur Reinerhaltung der Säle unentbehrlich war. Aus den Gängen trat man in den Hof ſel, der eine Fläche von 3000 O-Metern einnimmt. Der Boden desselben ist freigelegt, und man kann aus den aufgefundenen Resten schliefsen, dals kostbare Marmorsäulen einen Umgang im Innern bildeten, welcher dem Herrn und seinen vornehmen Gästen kühlen Schatten gewährte.

Wie die aula regia und die anstofsenden Zimmer zu ernsten Geschäften diente, so sollten die Räume, in die wir eben eingetreten sind, die zur kaiserlichen Tafel Geladenen aufnehmen. Die mit der Festtoga geschmückten Gäste lieſsen sich in ihren Sänften bis an das Seitenportal des Palastes tragen und eilten dann erwartungsvoll die wenigen Stufen hinauf, welche sie hier zunächst in den achteckigen Empfangssaal[f) führten. Dort begrüſsten sie sich mit ihren Freunden und musterten die Neulinge, die verlegen den Mosaikboden und den Schmuck der Wände betrachteten. Gute Bekannte waren bald in eifrigem Gespräch und zogen sich geheimnisvoll in die kleinen Zimmer zurück, welche sich auf beiden Seiten an den Vor- saal anschlossen. Endlich riefen die Diener zur Tafel, und von allen Seiten strömten nun die Gäste nach dem Speisesaal hin[g], an dessen weiter Thüre eben die Portieren zurückgeschlagen wurden. Schon waren die Augen müde geworden durch das Bewundern der vielen Kostbarkeiten, jetzt drohten sie zu erblinden ob des Glanzes, der ihnen von der vergoldeten Decke, den mächtigen Granitsäulen und von dem kunstvoll gemusterten Mosaikboden entgegenstrahlte. Fast glaubten sie, in eines Midas Haus gekommen zu sein, und fürchteten nur, daſs auch goldene Speisen ihrer warteten. Aber als sich die festliche Schar auf einen Wink des Kaisers an tausend Tischen gelagert hatte, da traten in langem Zuge die Diener herein und brachten Speisen und Getränke so auserlesener Art, daſs Ceres und Bacchus selbst aufzutragen schienen. Der Gastgeber selbst war in rosiger Laune und lächelte huldvoll auf die purpurgeschmückte Gesellschaft hinab. Wenigstens kam es so dem Dichter Statius vor, der damals zur kaiserlichen Tafel geladen war und uns nachher erzählt hat, wie es dort zugegangen ist. Er kann nicht genug die heitere Ruhe und Majestät preisen, die über das Antlitz des Herrschers ausgebreitet war, er ist wie verzückt darüber, daſs er in Gegenwart des Allgewaltigen zu Tische liegen durfte: mit Jupiter zwischen den Sternen glaubte er zu ruhen. Waren die übrigen Gäste auch so selig, schauten sie auch so verklärt zum Kaiser auf? Davon verrät uns Statius nichts, denn er spricht nur von den wichtigsten Personen, von Domitian und sich selbst. Ermutigt durch die Freundlichkeit des Kaisers wird er nach der Tafel zu dem Polster desselben gegangen sein und ihm den Dank für die Einladung in Glückwünschen ausgesprochen haben, welche dem gnädigen Herrn ein Leben ohne Ende und eine Macht ohne Grenze von den Göttern erwirken sollten. Dann stürmt er, stolz auf seine kunstvollen Worte, fort nach Hause und läſst seine Begeisterung in ein Gedicht aus- strömen, welches er später dem Kaiser überreichen lassen will.

3