Aufsatz 
Aus dem alten Rom : Ein Brief an die Schüler des Gymnasiums / vom Gymnasiallehrer Lohr
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

des Augustus auch damals noch für den Hauptpalast galt, in welchem Senatsversammlungen und feierliche Audienzen abgehalten wurden, dals man dagegen das Palais des Tiberius mehr als die Privatwohnung des Herrschers ansah. Das erste, was der neue Imperator Otho unterschrieb, war eine Anweisung auf etwa 100,000 Mark zum Ausbau des Neronischen Palastes, welcher sich vom Palatin bis zum Esquilin hin erstreckte. Aber die fünf und neunzig Tage seiner Regierung waren zu kurz, um jenes goldene Haus vollenden zu können; auch Vitellius hatte dazu keine Zeit, zu bald drang das Heer Vespasians in Rom ein. Vitellius, der in seiner Ratlosigkeit ganz von der Laune seiner Soldaten abhängig war, beteiligte sich an dem Sturm auf das Capitol persönlich nicht, sondern erfreute sich an dem bewegten Bilde des Kampfes und der Feuersbrunst vom Tiberianischen Hause aus, in welchem er gerade tafelte.

Die Flavier führten den übermäſsig ausgedehnten Bau Neros nicht weiter, errichteten vielmehr statt dessen dem schaulustigen Volke zu Gefallen in der Niederung zwischen Palatin, Cälius und Esquilin jenes kolossale Amphitheater, das nach ihnen benannt ist. Vespasian scheint für den Palatin nicht viel übrig gehabt zu haben, er wohnte gar nicht dort, sondern in den am Pincius und Quirinalis gelegenen Gärten Sallusts. Unter Titus brach schon wieder ein groſser Brand aus, der das Capitol stark beschädigte. Die frischen Schäden dieses neuen Unglücks zu heilen, hielt der mildthätige Herrscher für seine nächste Pflicht, auch nahm ihn die Unterstützung der verunglückten Städte Campaniens sehr in Anspruch. Erst Domitian kam dazu, für seine Familie ein neues Schlols zu bauen. Es lag ihm begreiflicher Weise sehr fern, das Haus des verhafsten Caligula wiederherzustellen, lieber wollte er in der Nähe des Augustus wohnen, und so legte er auf der oben erwähnten neugeschaffenen Fläche einen Palast an, der zwar nicht die riesige Ausdehnung des Neronischen hatte, ihm an Pracht aber kaum nachstand.

Dies ist das einzige Fürstenhaus des Palatin, dessen innere Einteilung noch deutlich zu erkennen ist[21]J. An der dem Forum zugewandten Seite führte eine breite Treppe empor, die ihre Spur in dem jetzt terrassenförmig ansteigenden Boden zurückgelassen hat. Das Vestibul ist nicht ein schmaler Gang wie bei dem Hause der Livia, sondern ein grolfser Vorplatz, auf welchen jene Freitreppe mündet. Hier warteten die entarteten Römer, bis ihrJupiter die Gnade hatte sie vorzulassen. Wie sich in alten Zeiten der Clienten Schar vor des Patrons Atrium versammelte, um den Schutzherrn zu begrüfsen und zu seinen Geschäften auf dem Forum zu begleiten, so harren jetzt die Vornehmen vor der Thüre des Palatiums, um Einlaſs zu erhalten bei dem gefürchteten Tyrannen. Schon hat man alle Tagesereignisse besprochen, der reiche Stoff, welchen die vom Kaiser neueingeführten Spiele bieten, ist erschöpft, alle Launen des Herrn sind bis zu ihrem Ursprunge verfolgt, da endlich öffnen sich die weiten Thore des Empfangssaales ſa], und die weilsgekleidete Dienerschar tritt auf die Schwelle, um mit wichtiger Miene die Wartenden zu mustern. Denn nicht jeder wurde ohne weiteres zur Begrüfsung des Kaisers zugelassen. Der weniger angesehene Ritter muſs es sich viel Mühe und manchen Denar kosten lassen, bis er alle Hindernisse überwunden hat. Aber heute ist er zum ersten Male so glücklich, diese Räume betreten zu dürfen. Geblendet wird er von dem Glanze, der alle seine Erwartungen übersteigt. Kaum wagt er, über die Schwelle zu schreiten, die von einem einzigen, gewaltigen Stücke griechischen Marmors gebildet ist, aber ein Blick in das Innere sagt ihm, dals er nicht anfangen darf, alles genau zu betrachten, es ist zu viel des Schönen zu sehen. Am besten gefallen ihm die Säulen aus phrygischem und numidischem Marmor, welche ringsum die Wände zieren. Ihre Basen und besonders die Kapitelle sind so zierlich ausgearbeitet und so reich in ihren Formen, dafs sie ihm schöner erscheinen wollen als die einfachen der alten Tempel. Hinter dem Portikus bringen Nischen Abwechslung in die Wandflächen und aus ihnen schauen Götter und Heroen auf das Treiben der schwachen Sterblichen hinab. Aber unser Ritter mag jetzt nicht den Herkules und den Bacchus und die anderen Statuen bewundern, ihn will er vor allem sehen, welchen die Dichter dem Vater der Götter ver- gleichen. Dort thront er dem Eingang gegenüber auf hohem Sessel und schaut stolz und finster auf die zum Gruſs sich Nahenden hinab. Lange hat sich der ehrgeizige Städter gedulden müssen, bis sich ihm die Pforten dieses Göttersaales öffneten, jetzt glaubt er statt des Jupiter den Gott der Unterwelt vor sich zu haben und scheu und angstvoll senkt er seinen Blick vor dem zornfunkelnden, argwöhnischen Auge Domitians. Aus dem Zimmer zur linken Ib] dringt süſser Duft des Weihrauchs, der dort auf kleinem Altare dem Genius des Kaisers entzündet war. Empfand der Herrscher mitten in dem Genusse aller dieser Ehren etwas von seiner menschlichen Schwäche, war deshalb seine Stirne so umwolkt, preſsten sich deshalb seine Lippen so fest aufeinander? Der Ritter wufste es nicht, aber er fühlte, dafs hier jede Bewegung, jede Miene ein Anlals zu raschem Verderben werden konnte. Der Boden mit den kostbaren Marmorsteinen fängt an, ihm unter den Füfsen zu brennen und mit Schrecken bemerkt er, wie eben einzelne zum Throne herantreten, um den Gefürchteten mit dem Morgenkufs zu begrüfsen. Doch es sind nur wenige, welche