— 16—
die Nischen, welche ehemals mit Bildsäulen geziert waren. In diesen Prachtsaal mag sich der Kaiser mit seinen Freunden in den Pausen zurückgezogen und von der Aufregung des Spiels erholt haben. Jetzt ist das Thal, welches einst so oft von dem Jubel einer schaulustigen Menge durchtönt wurde, still geworden. Die steinernen Sitzreihen sind geschwunden, ein sehr modernes Gebäude, eine Gasfabrik, steht da, wo früher die carceres die unruhigen Rosse hemmten, und zur Seite der alten Bahn, in der sonst die Zweigespanne dahinsausten, drehen jetzt die Seiler in bedächtigem Schritte ihre vielgewundenen Stricke.
Septimius Severus war ein sehr baulustiger Herr. Sein Biograph Spartianus erzählt von ihm, daſs er aufser seinen Neubauten alle schadhaft gewordenen Staatsgebäude Roms wiederhergestellt habe. Seinen Palast aber soll er nicht nur sich zur Wohnung, sondern auch zu dem Zweck auf diesem Teile des Palatin errichtet haben, um seinen von Süden auf der via Appia herkommenden afrikanischen Lands- leuten zu zeigen, welch' ein gewaltiger Mann er geworden sei. Diesen Eindruck verstärkte er noch durch das sogen. Septizonium. Dasselbe bestand aus sieben Stockwerken, von denen drei bis zur Zeit des fünften Sixtus sichtbar waren. Jetzt ist alles von der Oberfläche verschwunden. Dieser sonderbare Bau wurde im Jahre 203 vollendet, als der Kaiser von seinen in Asien geführten Kriegen siegreich zurückkehrte, und ich glaube, dafs Septimius auch durch orientalische Eindrücke auf die Idee gekommen ist, einen solchen Turm zu errichten. Wenigstens erinnert die Siebenzahl der Ringe sehr an die bekannte Ruine in Babylon, deren Terrassen mit verschiedenen Farben geschmückt und den sieben Planeten geheiligt waren.
Doch ich will euch nicht von dem erzählen, was zerstört ist, sondern das verstehen lehren, was die Stürme der Zeiten überdauert hat. Leider können wir nicht um den ganzen Palatin herumgehen, denn noch stehen zwei Klöster auf dem Berg, deren Thore uns verschlossen bleiben. Wir wenden uns deshalb wieder nach der besprochenen domus Gelotiana hin und werfen bei diesem Rückwege einen kurzen Blick in denjenigen Raum, welchen man das palatinische Stadium nennt[18].
Unter Stadion versteht man eine Bahn, in welcher Wettläufer, Faustkämpfer und Ringer ihre Kunst zeigten. Die Athleten waren anfänglich— Fulvius Nobilior lieſs die ersten 186 in Rom auftreten— bei den Römern nicht beliebt, die Gladiatorenkämpfe entsprachen mehr dem rauhen Geschmack der Zeit. Je weiter aber griechische Bildung eindrang, je öfter römische Jünglinge nach Griechenland gingen und dort die Palästra besuchten, desto angesehener wurden auch diese Spiele in Rom, wo man sie in vorüber- gehend hergerichteten Bahnen oder im Circus aufführte. Erst Domitian legte im Marsfeld ein steinernes Stadium an, welches gegen 30,000 Menschen fassen konnte. Ihm weisen einige Ziegelstempel auch den palatinischen Bau zu, und die Leidenschaft, mit welcher dieser Kaiser die Schaukämpfe liebte, macht es wohl erklärlich, dafs er auch auf seinem Berge in der Nähe seines prachtvollen Palastes eine Bahn haben wollte. Damals übten alle jungen Männer die griechischen Spiele, es war Mode geworden, die Faustriemen anzulegen und mit Hanteln sich im weiten Sprunge zu üben. Etwas seltsam ist es allerdings, dafs die beiden Hofdichter Statius und Martial, welche sonst die Herrlichkeiten ihres Herrn nicht genug zu rühmen wissen, von einem palatinischen Stadion nichts erzählen. Vielleicht hielten sie die Anlage eines solchen für selbstverständlich, da ja ein jeder reiche Römer bei seiner Villa einen Ubungsplatz für Gymnastik hatte, oder Domitian hat den Bau nicht zu Ende führen können. Man kann jetzt wohl noch unterscheiden, wo die gerade Linie war, bei welcher die Athleten ihren Lauf begannen, auch die Rundung(†ε) ist noch zu erkennen, welche das obere Ende einer solchen Bahn abschloſs. Deutlich sieht man, daſs die Schaubühnen terrassenförmig zu den Umfassungsmauern emporstiegen, aber der Plan des Stadiums selbst ist durch spätere Einbauten gänzlich geändert. Die grölfsere Hälfte desselben ist zu einem eirunden Raume ¹) umgestaltet, welcher allerdings auch noch groſs genug war, um gymnastische UÜbungen darin vorzunehmen, der andere Teil ist zu einem Säulenhof umgewandelt worden. Es liegt die Vermutung nahe, daſs das Ganze durch diese Umbauten mehr zum Privatgebrauche der kaiserlichen Familie eingerichtet werden sollte. Die Prinzen übten sich hier im kräftigenden Spiele, dann erholten sie sich im schattigen Säulengange des Hofes oder ruhten in den anliegenden hohen Sälen aus.
Unser Weg, der auf der Karte durch Pfeile angedeutet ist, führt uns nun zur Höhe des Palatin da hinauf, wo früher, wie schon oben erwähnt wurde, ein Thaleinschnitt war. Als Domitian sich nicht mehr mit dem alten Palais begnügen und für ein neues Prachtgebäude neuen Boden schaffen wollte, füllte er die Tiefe zwischen den beiden Hügeln aus und gewann dadurch eine groſse ebene Fläche für seinen Palastbau, die Privathäuser, welche zwischen den beiden Bergen standen, wurden abgerissen oder zu Fun- damenten des Neubaus verwandt. Einige dieser alten, jetzt unterirdischen Mauern sieht man noch, sie
¹) Auf dem Plane ist nur ein kleines Stück der Einfassung und die südliche meta eingetragen.


