besorgen muſste und jetzt seinem Grautier in behaglicher Muſse zusah, doch möchte ich den Scherz lieber einem der abgehenden Zöglinge zuschreiben. Er hat sich's sauer werden lassen, lacht nun einen der Zu- rückbleibenden, der ihm seine Not klagt, aus und zeichnet hinter dessen Rücken das niedliche Bildchen hin.
Am bekanntesten von allen diesen Kritzeleien ist das sogen. Spottcrucifix geworden. An einem mit wenigen Linien angedeuteten Kreuze steht ein Mann mit einem Eselskopf, dem sich wie betend ein häls- lich gestalteter Mensch zuwendet. Es ist Alexamenos, der so seinen Gott verehrt, wie die nebenstehenden Worte sagen: Alekdueος εre(= ⁶68eraα) Se6v. Da in einer anderen Inschrift dieser Alexamenos ein ‚Fidelis genannt wird, so ist es aufser Zweifel gesetzt, dals hier ein Christ von seinen Kameraden ver- spottet wurde, weil er sich nicht scheute, in solch roher Gesellschaft zu beten. Dals sie einen Eselskopf verehrten, wurde ursprünglich den Juden vorgeworfen. Man erzählte, dafs sie in der dürren Wüste den wilden Eseln nachgegangen seien, um zu sehen, an welchen Quellen diese ihren Durst löschten. Zum Dank für solche Führung hätten sie im Tempel jenes Tier verehrt. Da die Christen anfangs für eine Sekte der Juden galten, so muſsten sie sich auch jenen unsinnigen Vorwurf gefallen lassen, den Tertullian in seiner berühmten Verteidigung des Christentums so heftig zurückweist. In die Zeit dieses Kirchenvaters, also an das Ende des zweiten oder den Anfang des dritten Jahrhunderts, gehört auch das Spottcrucifix, welches beweist, daſs die damals so verbreitete Art die Christen zu verhöhnen auch in die jugendlichen Kreise der Pädagogien eingedrungen war.
Die domus Gelotiana steht gerade am Ende einer Senkung, welche früher den nordwestlichen Teil- des Palatin von dem südöstlichen schied. Wir sind bis jetzt an dem nordwestlichen Rande des Berges her- gegangen und betreten nun den nach Südosten vorspringenden Hügel, welcher zum grölsten Teile erst spät zu kaiserlichen Bauten benutzt worden ist. Septimius Severus war es, welcher sich hier einen ähnlichen Palast anlegte, wie Caligula an der Nordseite gethan hatte. Es ist eine endlose Reihe von haushohen Bogen, eine unzählige Menge von Kammern, die uns hier aufnehmen[17]J. Unmöglich kann man jedem einzelnen Raume seine ursprüngliche Bestimmung ansehen. Hohe Corridore, dumpfe kleine Zimmer, heizbare Bäder, prächtige Säle schlieſsen sich aneinander an, und wir sind froh, wenn wir, ohne uns zu verirren, zu der Höhe der Ruine hinaufgelangt sind. Hier stehen wir auf dem Fufsboden der Haupträume des Palastes, und je dunkler es eben auf unserem Wege durch den unteren Stock war, desto entzückender ist die Aus- sicht hier oben. Wir vergessen die Trümmer unter uns, unwiderstehlich von dem Landschaftsbilde angezogen, das sich rings um uns her entfaltet. Gerade vor uns, nach dem Tiber hin, liegt der Aventin, jetzt wohl der einsamste der noch bewohnten Hügel. Fehlen ihm auch stolze Paläste und kuppelgekrönte Kirchen, 8o ruht doch das Auge gern aus auf dem Grün seiner Gärten. Weithin dehnt sich im Süden die verlassene Campagna, durchzogen von der gräbergeschmückten via Appia. Ich wülste nicht, womit ich diese wegen ihrer Luft so gefürchtete und wegen ihrer eigenartigen Schönheit so hoch gepriesene Gegend vergleichen sollte, um euch eine Vorstellung davon zu geben. Man muſs sie gesehen haben, um ihre Anziehungskraft zu fühlen. Mir erscheint sie wie ein einsames Totenfeld mit ihren Grabmonumenten und den langen, halb zusammengebrochenen Arkadenreihen der alten Wasserleitungen. Mag auch die Sonne noch so warm auf sie herabscheinen, der Himmel noch so rein und blau über ihr sich wölben, stets behält sie ihre melan- cholische Farbe, nur ein wehmutsvoller Glanz breitet sich über sie aus. Prischer und lebensvoller erheben sich aus ihr die Albanerberge, an deren Abhängen sich die Dörfer und Städte gar anmutig ausnehmen. Aber über diese Hügel ragen, den Horizont begrenzend, die zackigen, waldlosen Spitzen des Apennins, die schon ihr weilses Winterkleid angelegt haben. Kehren unsere Blicke von dieser weiten Aussicht zurück, so treffen sie in nächster Nähe auf die gröſste Ruine Roms, auf das flavische Amphitheater. Die uns zugekehrte Hälfte desselben ist bis auf das letzte Stockwerk geschwunden, während sich auf der anderen Seite die Ringe noch über einander türmen bis zur höchsten Gallerie. Deshalb hat man von unserem Standpunkte aus einen Einblick in das Innere des Baues, er erhebt sich vor uns mit seinen riesigen Rund- gängen, Treppen und Thoren wie eine Stadt am Bergabhang.
Zur Zeit der Spiele gab es noch mehr von hier oben aus zu sehen. Da wogte das Volk in den langen Sitzreihen des Circus, die sich an Palatin und Aventin anlehnten, schon am frühen Morgen hin und her, um die besten Plätze zu erhalten, und in den Tabernen und den Wirtshäusern war reges Leben. Es mufste für den Römer einen bestrickenden Reiz haben, die mit ihren Farben geschmückten Parteien in erwartungsvoller Spannung zu sehen und die grünen, blauen, roten und weiſsen Wagenlenker in ihrem rasenden Lauf verfolgen zu können. Deshalb baute sich Septimius Severus auf dieser Seite seines Palastes eine groſse Loge, von welcher er das Schauspiel vollständig überschauen konnte. An sie schlossen sich kleine Gemächer an, von denen jetzt besonders eine Rotunde auffällt. An ihren Wänden sieht man noch


