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Forums ein. Der mit Kalksteinplatten belegte Platz hat die Gestalt eines Trapezes, dessen kürzeste Seite die Ostgrenze bildet. An der Nordseite desselben türmt sich jetzt noch mehrere Meter hoch die Schutt- masse auf, und erst in diesen Tagen hat man angefangen, auch hier den antiken Boden freizulegen. Da ruhn noch im festen Schlummer der Jahrtausende die wichtigsten Staatsgebäude der Römer. Dort lag der schon erwähnte Stimmplatz des(Römer) Volkes, das comitium mit dem Rathaus, dort stand die Redner- bühne der Republik, dort wurde von dem Censor M. Porcius Cato die erste Gerichtshalle erbaut, der bald eine zweite prächtigere folgte. Vielleicht können wir in nicht allzuferner Zeit die Spuren dieser Anlagen deut- licher verfolgen. Die Häuser, welche jetzt noch darüber stehen, sind von der italienischen Regierung an- gekauft und sehen so traurig und verfallen aus, als wenn sie ihren baldigen Untergang ahnten.
Vom Forumplatze aus kann man auch die Quaderblöcke, die im Westen aus dem Damm der modernen Übergangsstrafse hervorsehen, besser betrachten. Sie bildeten den Unterbau zu jener Rednerbühne der Kaiserzeit, die sehr geräumig gewesen sein muſs. Augustus lieſs nicht nur die Wahrzeichen der republikanischen Kanzel, die Schiffsschnäbel von Antium, an der neuen wiederum befestigen, sondern er brachte auch alle Marmorbilder und Ehrenzeichen hierher, welche das Volk verdienten Männern an jener Stelle errichtet hatte. Manches altersschwache Stück mufste damals erneuert werden, so auch die Inschrift an der Ehrensäule des Gajus Duilius, die sich in Stücken hier wiedergefunden hat.
Nur ein antikes Kunstwerk ist äuf dem Forum unversehrt erhalten und auch da geblieben, wo es vor 10 Jahren aufgedeckt wurde, am Nordwestende des Platzes. Das sind die sogenannten Marmorschranken. Die zwei je 5 Meter langen Stücke stehen sich so gegenüber, als bildeten sie das Geländer einer schmalen Brücke. Auf den Innenseiten gehen je drei prächtige Opfertiere, Schwein, Schaf und Stier, ihren letzten Gang. Auf den beiden Aulfsenseiten ist der Kaiser Trajan dargestellt, wie er auf dem Forum seine Stif- tung zur Erziehung armer Kinder bekannt macht und wie er die Verzeichnisse rückständiger Erbschafts- steuer verbrennen läſst. Ob diese merkwürdigen Steine ursprünglich hier aufgerichtet waren und welchem Zwecke sie dienten, ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Mit mehr Gewiſsheit kann man die acht plumpen quadratischen Ziegelbauten längs der Südseite Schranken nennen, denn an ihnen befestigte man die Seile und die Bretterreihen, durch welche der Platz während der Volksversammlungen abge- sperrt wurde.
In alten Zeiten sah der Stadtmarkt ganz anders aus. Da umgaben ihn ringsherum ärmliche Buden. Die Metzger hielten hier ihre Ware feil, und sicherlich wurde dadurch der Boden nicht sauberer und die Luft nicht reiner. Nebenan klangen die Münzen der Wechsler und mitten in dieser lärmenden Umgebung gab es auch Schulstuben oder, wie der Römer sie nennt, ludi puerorum. Wie oft werden da die Kinder an jenen tabernae stehen geblieben sein! Gewiſs haben sie ihre besonderen Freunde unter den Metzgern gehabt, auch möchte ich wohl wissen, ob die römischen Knaben damals gerade so liebenswürdig um ein As betteln konnten wie jetzt um einen Soldo. Einst wurden die Kinder auf ihrem Schulwege in grofsen Schrecken gesetzt: ein Diener des gefürchteten Decemvirs Appius Claudius führte ihre Gespielin Virginia von dannen und brachte sie vor das nahe Tribunal seiner Patronen, indem er behauptete, dals Virginia als die Tochter einer seiner Sklavinnen ihm gehöre. Noch Schrecklicheres muſsten sie am fol- genden Morgen erleben. Schon mit Tagesanbruch stand die ganze Bürgerschaft auf dem Forum in angst- voller Neugierde, denn heute sollte das Geschick des Mädchens entschieden werden. Auch Virginius, der aus dem nahen Lager herbeigeholt war, erschien lange vor Beginn der Gerichtsverhandlungen und suchte durch seine Trauer das Mitleid der Umstehenden zu erregen. Er trat zu den einzelnen Männern, drückte ihnen die Hand und sprach zu ihnen mit lauter Stimme, so dals alle es hören konnten, von der Gefahr, die auch ihnen drohe, wenn sie ihn nicht schützen würden. Von der Gerichtsverhandlung selbst, konnten die horchenden Knaben nicht jedes Wort verstehen, nur merkten sie bald, dafs auf den heftigen Wort- wechsel zwischen dem Richter und dem Angeklagten etwas ganz Besonderes folgen müsse. Das wollten sie jedenfalls miterleben, obwohl ihnen schon etwas unbehaglich geworden war. Da hörten sie plötzlich den Appius mit donnernder Stimme rufen: ‚lictor, summove turbam et da viam domino ad prendendum manicipium“. Grofs und klein lief auseinander, als man sah, dafs die Staatsdiener Ernst machten, dem Befehl ihres Herrn nachzukommen. Nur Virginius behielt seine Fassung. Anscheinend ruhig, erbat er sich vom Decemvirn die Erlaubnis, noch ein paar Abschiedsworte mit der Tochter sprechen zu dürfen. Dann führte er Virginia von der Menge etwas weg auf die Fleischerbuden zu, welche nach dem Comitium hin lagen, ergriff hier ein Messer und stieſs es der Tochter mit den Worten ins Herz:„Nur so, mein Kind, rette ich dich für die Freiheit!“ Zum Tribunal aber sich zurückwendend, rief er: ,te, Appi, tuumque caput sanguine hoc consecro.“ Dann stürzte er fort, sich Bahn brechend durch der Liktoren


