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Mittelpunkte der Stadt angegeben, so dafs er als Gegenstück zu dem umbilicus angesehen werden kann. Von der zwischen beiden erbauten Tribüne aus hörten in der Kaiserzeit die fremden Gesandten den Reden zu, die auf der unmittelbar davor liegenden Bühne an das Volk gehalten wurden. Die alten rostra dürft ihr nicht mit diesen verwechseln. Jene standen auf dem Comitium, dem nördlich an das Forum angren- zenden Rathausplatz. Doch war dieser Raum schon längst zu eng geworden für die Versammlungen des Volkes, und Augustus versetzte deshalb die rostra an das westliche Ende des Forums, wo die Redner den ganzen, weiten Platz vor sich hatten.
Bei dem milliarium aureum mündet die sacra via vom Forum her und wird fortgesetzt von der einzigen Fahrstralse, welche zum Capitolinischen Berge hinaufführt, dem clivus Capitolinus. Er gehörte zu den ersten Wegen, die in Rom im J. 174 v. Chr. gepflastert wurden, und wenn auch die Steine, die jetzt zu Tage liegen, ebenso wie das an anderen Punkten der Stadt erhaltene Pflaster aus der späteren Kaiserzeit stammt, so zeichnet sich doch gerade ein Stück dieses vicus unterhalb des Saturntempels durch sorgfältige Aneinanderfügung der dicken Blöcke vor anderen Straſsen aus. Verfolgen wir diesen alten Burgweg, so haben wir zur linken die mächtigste Ruine, die sich an dem oberen Ende des Forums findet. Ich meine den Unterbau des Saturntempels mit seinen noch aufrecht stehenden acht jonischen Säulen[6]ĩ. Diese sowie die gesamte Dekoration stammen von einer Restauration, welche im 3. Jahrhundert n. Chr. vorgenommen wurde. Die hohen und festen Mauern des Schatzhauses aber— dazu wurde bekanntlich der untere Raum des Tempels benutzt— sind unzweifelhaft sehr alt. Die Sage schreibt auch diesen Bau und die Einführung der Saturnalien dem Tullus Hostilius zu, andere erzählen, dals Tarquinius Superbus ihn errichtet habe. Er war wahrscheinlich zur Königszeit begonnen, wurde dann vom befreiten Volke vollendet und vom ersten Diktator Roms, Titus Lartius, 501 eingeweiht.
Der hohen Treppe, die zum Saturntempel führte, gegenüber war zu Ehren Vespasians ein kleiner Tempel von Domitian erbaut[4]J. Da auch ein Bild des Titus darin aufgestellt wurde, so nannte ihn das Volk gern nach diesen beiden Flaviern. Von der Inschrift stehen nur noch die Buchstaben: ESTITVER, welche zu restituerunt zu ergänzen sind und sich auf die Wiederherstellung des Heiligtums durch Sep- timius Severus und Caracalla beziehen. Die Front des Tempels, welche einst sechs korinthische Säulen aus lunesischem Marmor zierten, ist nach dem Forum hingerichtet, seine Langseiten, die je elf Säulen trugen, laufen dem Concordientempel parallel und mit der Rückwand lehnt er sich an das Tabularium an. Jetzt stehen vorn an der rechten Ecke noch drei Säulen, die einen Teil des mit Stierköpfen und Opfergerät geschmückten Frieses tragen. Man sieht ihnen nicht an, dals sie einmal eine Zeit lang abgetragen waren. Als man nämlich am Anfange dieses Jahrhunderts begann, sie in ihrer ganzen Höhe bloſszulegen, zeigte sich das Fundament zu schwach für die freistehenden Säulen. Nachdem dasselbe stärker gemacht war, errichtete man sie wieder und setzte mit vieler Mühe aus den gefundenen Stücken den Fries zusammen.
Wenn wir an diesem kleinen Tempel vorübergegangen sind, bringen uns einige Stufen vom Clivus hinab zu einer Reihe von Kammern. Dies sind Lokale für Schreiber und Ausrufer der KXdilen gewesen ebenso wie die darüber gelegenen. Vor den letzteren zieht sich ein schmaler Portikus her, der einen kleinen den zwölf olympischen Hauptgöttern geweihten Platz auf der Südseite umrahmt. Wenn auch der Bau, von dem die Ruinen herrühren, ein sehr später ist, so lälfst sich doch aus einer Stelle der zweiten philippischen Rede schliessen, dass schon zu Ciceros Zeit die curulischen Adilen hier ihre Zimmer hatten. Antonius hatte dem Consul des Jahres 63 vorgeworfen, daſs er während jener entscheidenden Senatssitzung im Concordientempel den ganzen clivus capitolinus von bewaffneten Sklaven habe besetzen lassen. Darauf antwortet nun Cicero in gerechtem Zorn: 0 du Erbärmlicher, entweder sind dir jene Vor- gänge nicht bekannt— du kennst ja überhaupt nichts Gutes— oder sie sind es, und wie kannst du dann vor solchen Männern so unverschämt reden?„Quis enim eques Romanus, quis praeter te adulescens nobilis, quis illius ordinis, qui se civem esse meminisset, cum senatus in hoc templo esset in clivo capito- lino non fuit?« Wer liels seinen Namen damals nicht in die Listen eintragen, zum Zeichen daſs er bereit sei, des Vaterlandes Wohl mit den Waffen zu schützen. Waren doch nicht Schreiber genug da, reichten doch die Tafeln nicht aus, die Namen der sich Meldenden aufzunehmen!
Da bei der erwähnten area der dii consentes die alte Stralse von der neuen überbaut ist, so müssen wir hier umdrehen. Auf unserem Rückwege sehen wir eine Zeit lang den Arbeitern zu, die jetet gerade unterhalb des Weges, der quer über das Forum führt, mittelalterliche Mauerreste zu Tage fördern, und springen dann zum eigentlichen Forum hinab. Um die Ausdehnung desselben recht würdigen zu können, muls man sich die Säule, welche im 7. christlichen Jahrhundert dem byzantinischen Kaiser Phokas gesetzt wurde, wegdenken, denn sie nimmt mit ihrem breiten Unterbau einen guten Teil des westlichen


