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Doch ich glaube, es ist euch in diesem carcer, der viel öder ist als das, was man in einem Gymnasium so nennt, ganz unheimlich zu Mute geworden, und ich will euch deshalb wieder zu Luft und Licht zurückführen. Freilich könnte uns, wenn wir auf der antiken Strasse gingen, noch ein schauder- voller Anblick erschrecken. Denn hart am carcer war die sog. Gemonische Treppe, auf welche die Leichen der Gerichteten geworfen wurden, damit sie das ganze römische Forum sehen könne ‚magno cum horrore.“
Um von dieser Seite her zum Forum zu gelangen, müssen wir eine vorläufig hier angebrachte Holztreppe hinabsteigen. Dann sehen wir rechts gerade durch den mittleren der drei Bogen am arcus triumphalis[2] des Septimius Severus hindurch. Dieser ziemlich plumpe Bau wurde i. J. 203 zur Ver- herrlichung der Siege des genannten Kaisers über die Parther aufgeführt. Jedenfalls war er bedeutend schöner, als er noch seinen vollständigen Schmuck hatte. UÜber dem Hauptdurchgang prangte mit grolsen Metallbuchstaben eine lange Inschrift, welche die Thaten der kaiserlichen Familie pries. In der vierten Reihe derselben heifst es jetzt: optimis fortissimisque principibus. Doch ursprünglich stand hier, wie man aus den Spuren, welche die Befestigung der Buchstaben hinterlassen hat, schliefsen kann: P. Septimio Getae nobilissimo Caesari opt. Als aber Caracalla nach dem Tode des Vaters dem Hasse gegen seinen Bruder Geta Luft gemacht und diesen aus dem Wege geräumt hatte, liefs er auch den unleidlichen Namen von dem Siegesdenkmal entfernen, angeblich weil es ihn zu sehr angreife, an den Ermordeten erinnert zu werden. Links und rechts von der Inschrift waren Trophäen befestigt und oben auf dem Bogen stand ein vergoldetes ehernes Sechsgespann, das den von einer Viktoria gekrönten Kaiser wie im Siegeslauf dahinzufahren schien. Neben dem Triumphwagen schritten die Prinzen Caracalla und Geta, die der Vater in gleicher Weise an den Ehren des Hauses teilnehmen lieſs. An den Ecken der jetzt so kahlen Fläche waren Reiterstandbilder angebracht, so dafs das Ganze wohl einen grossartigen Eindruck machen konnte.
Wenn wir zum Schutz gegen die römische Novembersonne in das mittlere Thor eintreten, so haben wir vor uns den mächtigen Unterbau des Concordientempels[3]J. Er wurde vom Diktator Camillus 367 gelobt zum Dank für die wiederhergestellte Eintracht der Patrizier und Plebejer, und nach dem Tode des Camillus ist er von Senat und Volk erbaut worden. Weil dies Haus baufällig geworden war, wurde es auf des Augustus Wunsch von Tiberius erneuert und erweitert. Aber schon in den Zeiten der Republik war es ein groſser Tempel, denn der Senat versammelte sich hier öfters. Der Säulen Pracht ist zwar verschwunden, aber noch sieht man deutlich, wie eine in Terrassen aufsteigende Treppe zu einem kleinen Vorbau führte, hinter dem das breite Tempelhaus auf beiden Seiten vorsprang. In diesem tagte der Senat in zahlreicher Versammlung an jenem 3. Dezember, als Cicero durch die Gesandten der Allobroger die Beweise gegen die Catilinarier in Händen hatte. Bis zum Abend dauerte die Beratung, unruhig wogte das Volk vor den Stufen des Tempels hin und her, da trat der Konsul aus der geheimnisvollen Tempel- zelle hervor und berichtete den sorgenvollen Quiriten, dafs er die drohende Gefahr beseitigt habe.„Aber nicht ich habe das vermocht— das wäre zu viel gesagt— der Jupiter da oben, er hat widerstanden; er ist es, der sein Kapitolium, der diese Tempel hier, ja die ganze Stadt und euch alle gerettet sehen wollte.“ Denkt euch, ihr hättet mit den Bürgern Roms gebangt für euren Besitz und euer Leben, hättet schon im Geiste die Häuser der Stadt in Flammen aufgehen sehen, mülste euch nicht jetzt jener Mann, dessen Gestalt da oben aus dem Dunkel des Abends wie die eines Gottes herableuchtete, der so ruhig und doch von der Freude des Sieges begeistert zu euch redete,— mülste er euch nicht wie ein Retter, wie ein Vater des Vaterlandes erscheinen? Gewiss hättet auch ihr euch nicht mit fürsorglichen Worten nach Hause schicken lassen, auch ihr würdet als wackere Quiriten Fackeln angezündet und dem Erretter der Stadt das Ehrengeleite gegeben haben. 1
. Unmittelbar neben dem linken Seitenportale des Severusbogens ist ein kegelförmiger Ziegelbau zum Vorschein gekommen[7], der offenbar als Basis für irgend etwas diente. Wahrscheinlich stand hier der sogenannte umbilicus, eine Nachbildung des Delphischen&μ̈ʃαα. Es war dies ein weilser Stein von der Gestalt eines abgestumpften Kegels, der neben dem Altare des Apollo stand und von den Griechen
als der Mittelpunkt der Erde angesehen wurde. Der römische Kaiser bezeichnete das Zentrum seines
Weltreiches da, wo das Volk täglich vorüberging und sich seiner hohen Weltstellung bewusst werden konnte. An dieses Basament schliefst sich ein kreisförmiger Bau an[8], der die Vorderwand einer Tribüne gebildet hat, und an dem südlichen Ende desselben unterhalb des Saturntempels stand jenes milliarium aureum, das von Augustus im Jahre 28 v. Chr. errichtet wurde. Es hatte die Form eines römischen Meilensteines, wie ihr sie im Wiesbadener Museum sehen könnt. Nur war dieser Meilenzeiger nicht von Stein, sondern von vergoldeter Bronze und strahlte deshalb von seinem erhöhten Standpunkte aus über das ganze Forum hin. Vermutlich waren auf ihm die Entfernungen der Hauptorte des Reiches von dem


