Aufsatz 
Aus dem alten Rom : Ein Brief an die Schüler des Gymnasiums / vom Gymnasiallehrer Lohr
Entstehung
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wölben sich wieder über der heiligen Straſse. Jetzt kommen auch die Menschen zurück. Die Priester schreiten stumm und ernst die hohen Tempelstufen hinan, der Geschäftsmann eilt zu den Wechslerbuden und ist bald in lebhaft erregtem Gespräch mit dem gierigen Bankier. Gedankenlose Mülsiggänger schlendern auf dem getäfelten Platze umher und besprechen mit wichtiger Miene die Tagesereignisse. Aber plötzlich wendet sich alles nach der sacra via hin, denn es naht von der östlichen Höhe her der im Triumph heimkehrende Imperator. Den Zug eröffnet der Senat, der im festlichen Schmuck den Sieger und sein Heer am Stadtthor empfangen hat. Dann folgen die Trompeter. Hinter ihnen knarren die beute- beladenen Wagen, zwischen denen die von stämmigen Schultern getragenen Bahren mit den Prachtstücken der Beute ruhmredig hervorragen. Wenn diese sich dem dichtgedrängten Volke nähern, streckt sich jeder- mann und liest von den hochgetragenen Tafeln, welche Provinz besiegt, wie viele Beute gewonnen worden ist und wem die kostbaren Waffen gehört haben. Stiller wird es wieder, wenn die Priesterschaft heran- tritt mit dem weilsen bändergeschmückten Stiere in der Mitte, aber lauter Jubel schallt dem Triumphator entgegen, der in gestickter Toga auf dem mit Elfenbein verzierten, von vier Rossen gezogenen Triumph- wagen zum Capitol fährt. Stolze Freude glänzt in seinen Zügen, dals er umgeben von seinen Söhnen, gefolgt von seinen Kriegern unter solchen Ehren in die Vaterstadt einziehen kann.

Der Zug ist vorübergerauscht, die Menge hat sich verlaufen, da erwachen wir aus unserem Traum und eilen nun den Hügel hinab, um uns zunächst das sogenannte mamertinische Gefängnis anzu- sehn. So heilst bekanntlich das Staatsgefängnis der Römer, welches in seinem oberen Teile von Ancus Martius erbaut sein soll; den unteren Raum habe Servius Tullius hinzugefügt. Jetzt ist das Ganze von einer kleinen Kirche überbaut, an deren Eingange die Apostelfürsten dargestellt sind, wie sie hinter dem vergitterten Fenster des Gefängnisses schmachteten. Eine moderne Treppe führt uns in das obere Gemach des carcer hinab. Es ist eine von dicken Mauern eingefalste Kammer, die im Altertum nur durch eine viereckige Öffnung in der Decke zugänglich war. In dieses Verlieſs wurden die schweren Verbrecher, die Vatermörder und Vaterlandsverräter gebracht, für welche die gewöhnlichen Gefangenenhäuser nicht hart genug waren. Sallust nennt dies Gemach da, wo er von der Bestrafung der Catilinarier erzählt, eine camera fornicibus vincta. Aber weit gefürchteter war der kellerartige Raum darunter: incultu, tenebris, odore foeda atque terribilis ejus facies est. Die Steinlagen der Wände schlieſsen zu einer Kuppel dadurch zusammen, dals jedesmal eine Reihe der Steinblöcke etwas über die untere hervorragt. Der Schluss der Kuppel ist heraus- genommen, um die Verbindung mit dem oberen Raume herzustellen. Gerade unter dieser Offnung befindet sich ein Quell, und es ist augenscheinlich, dafs das uralte Gewölbe gebaut ist, um diesen Brunnen zu schützen. Tullianum wird es genannt, ein Name, welcher gar nichts anderes als Brunnenhaus bedeutet und hier den Brunnen, der zur arx gehorte, bezeichnet. Da aber die überlieferte Benennung an den dritten König Roms erinnerte, so schrieb man diesem reichen Herrscher jene Anlage ebenso zu wie die sogenannte curia Hostilia. Wäre dieses Gebäude ursprünglich ein Gefängnis gewesen, so wülste man doch nicht recht, warum es gerade über einer Quelle errichtet wurde. Von der Zeit des Ancus her mag es als carcer benutzt worden sein, zumal es durch den aufgesetzten Oberbau ein dunkeles und feuchtes Loch geworden war.

Aber nur zum Tode Verurteilte wurden hinabgestofsen. Hier verhungerte Jugurtha. Er war mitgeschleppt worden in dem Triumphzuge des Marius, und die römische Plebs hatte darüber frohlockt, dafs der durchtriebene Numiderfürst durch den Volksmann Marius überwunden war. Kaum ist der Ge- fangene am Ende der heiligen Strasse vom Triumphzuge fort zum carcer hin abgeführt, da stürzt die wütende Volksmasse über ihn her. Trotz der Wachen wird er gestolsen, sein Gewand zerfetzt, die goldenen Ohrringe werden ihm samt den Ohrläppchen abgerissen. So kommt er blutend und fast unbekleidet im Gefängnis an. Aber Erbarmen kennen die Henker nicht, er wird noch hinabgestoſsen in den schrecklichen Unterraum. Da konnte es ihn wohl eiskalt überlaufen, daſs er ausrief:Beim Herakles, wie kühl ist euer Bad!

Hierher wurden auch die Mitverschworenen des Catilina, welche in der Stadt zurückgeblieben waren, geführt, nachdem sie trotz Cäsars Widerspruch zum Tode verurteilt waren. Cicero selbst brachte den Lentulus, der in freier Haft am Palatin gewohnt hatte, über das Forum zum carcer, die übrigen wurden von den Prätoren geleitet. Auch sie wurden in das unheimliche Quellenhaus hinabgelassen, aber ein rascher Tod machte ihrem Leben ein Ende: die vindices rerum capitalium erdrosselten sie.

. Freundlicheres erzählt die christliche Legende von diesem Gefängnis. Petrus und Paulus sollen darin gefesselt gelegen und sich und ihre Mitgefangenen mit Christi Worten getröstet haben. So grols war der Eindruck ihrer Predigt, dafls die beiden Kerkermeister und 47 Gefangene sich bekehrten, und damit diese alsbald getauft werden konnten, liels Gott jenen Quell hervorsprudeln.

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