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Schar, um die Commilitonen im Lager zur Rache zu rufen gegen den Tyrannen, der ihn zu so schrecklicher That gezwungen hatte.
An einem Platze, auf welchem sich solche aufregende Scenen abspielen konnten, war für Schulen gewils keine günstige Lage, und die Römer thaten wohl daran, sie zu entfernen. Aber auch die Buden der Fleischer mussten verschwinden, als man mehr auf die Verschönerung des Stadtmarktes bedacht war, nur die Bankiers durften bleiben. Statt der niedrigen tabernae schmückten nun das Forum die luftigen Säulenhallen der Basiliken, die nach griechischem Muster erbaut waren. Die schönste legte Cäsar auf der Südseite an, Augustus baute sie aus und nannte sie nach dem Oheim basilica Julia[10]. Sie wird von dem Versammlungsplatz des Volkes durch die sacra via getrennt, von der wenige Stufen zu der Vorhalle hinaufführen. Wenn ihr am oberen Ende eintretet, braucht ihr nur drei Treppen zu steigen, am unteren dagegen sieben. Dies hätsel werdet ihr schwerlich richtig lösen, so lange ihr nicht wilst, dals die Ober- fläche des Forums sich nach Osten hin etwas senkt, der Fuſsboden der Basilika aber überall die gleiche Höhe hat. Das geräumige Innere diente zu Gerichtsverhandlungen und konnte von den umgebenden Hallen abgesperrt werden. In diesen und auf den Treppen trieben sich die Kinder und die Müſsiggänger umher so, wie sie sich im heutigen Rom auf den Kirchenstufen lagern. Daſs sie hier nicht nur geschwätzt und geschlafen, sondern auch eifrig gespielt haben, beweisen die vielen Spieltafeln, welche in die Marmorplatten des Bodens eingeritzt sind. Auf öffentlichen Plätzen, in den Kneipen, in den Kasernen, auf den Strafsen, überall sieht man kleine Kreise mit sechs gleichweit von einander abstehenden Radien in den Stein gekratzt. An der Basilika Julia ist es gewöhnlich ein Kreis mit acht Radien, wie die nebenstehende Figur einen solchen zeigt. Die Ver- zierung an den Enden der Durchmesser, die wie kleine Hütten für die Steine aussehen, sind für das Spiel selbst ohne Bedeutung. Jeder der beiden Spieler erhält drei Marken von verschiedener Gestalt oder Farbe. Diese werden zuerst abwechselnd aufgesetzt, dann auf den Linien weiter geschoben, wie bei unserem Mühlenspiel. Derjenige hat„gesiegt“, dessen Steine die drei bezeichneten Punkte desselben Durchmessers einnehmen. Dies Spiel, welches ich öfter mit römischen Kindern gespielt habe, war wohl besonders deshalb bei den Alten so
Pig. 1.. beliebt, weil es schnell über Gewinn und Verlust entschied, ohne dals sich die
Beteiligten bedeutend anstrengen mussten. 2
Noch eine andere Art von Gesellschaftsspiel trieben diejenigen, welche kein Gefallen an den ernsten Dingen innerhalb der Basilika fanden. In der dem Forum zugewandten Vorhalle ist die folgende Tafel in den Marmor eingeritzt(Fig. 2). Die teilweise zerstörte Inschrift zu enträtseln, will ich euch selbst überlassen. Wahrscheinlich stiessen die Spieler ein Steinchen mit der Fufsspitze über die Linien hin, und derjenige hatte gewonnen, der seine tessera dahin brachte, wo ſ ¼ geschrieben stand. Denn dies Zeichen, welches sich in den verschiedensten Formen findet, bedeutet nichts anderes, als PALMA FELICITER und vertritt hier das Bild der Palma, das Symbol des Sieges.
Steigen wir am Ostende der Basilika zur heiligen Strafse hinab, so sind wir mit ein paar Schritten vor dem Aufgang zu dem hochgelegenen Castor- und Polluxtempel[11]. Der Unterbau ist wohl erhalten, auch noch ein Stück von dem Mosaikboden der Cella, aber von den Säulen stehen nur noch drei auf der Langseite, die jetzt mit Eisenstäben untereinander verbunden sind. Gewils sind sie alt genug dazu, sich stützen zu lassen, denn sie stammen aus der Zeit des Tiberius, der diesen Tempel nach einem Brande neu erbaute. Gegründet wurde er von der jungen Republik zu Ehren der beiden ritterlichen Jünglinge, welche in der Schlacht am See Regillus den Römern auf wunderbare Weise zum sSiege verholfen hatten. An dieser Stelle erbaute man ihn, weil hier die Dioskuren nach jenem Kampfe plötzlich erschienen waren, den Sieg gemeldet und ihre schweilstriefenden, durstigen Rosse in einem kleinen Teiche, dem lacus Juturnae, getränkt hatten. Das Tempelhaus war so geräumig, dals darin öfters Senatsversammlungen abgehalten wurden, und von den Stufen des Heiligtums aus sprachen die Staatsmänner gern zum Volk. Cäsar liebte besonders, hier zu reden, und zur Erinnerung daran lieſs Augustus an dem Tempel, den er gerade gegenüber[13] dem divus Julius errichtete, eine Rednerbühne anbringen. Zu dem Perron, der sich da erhob, wo Cäsars Leiche verbrannt worden war, führten auf der dem Capitol zugewandten Seite zwei nicht sehr breite Treppen, und den Raum zwischen ihnen füllte der Unterbau der neuen Bühne aus, welche man vom Tempel aus betrat. Die Front derselben wurde mit den bei Aktium erbeuteten Schiffsschnäbeln geschmückt. Dort jenseits des Platzes, unterhalb des Capitols, standen die rostra mit den Erinnerungen an die Siege der Republik, hier glänzten die Ehrenzeichen der julischen Familie, die auch durch ihre Bauten die Aufmerk-


