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eine Fahrstrafse angelegt worden wäre, die sich vom Marsfelde heraufgewunden hätte, wird nirgends erwähnt, doch müssen Stufen und schmale Steige den Verkehr ermöglicht haben.
Während des Mittelalters sanken nicht nur die Privathäuser, sondern auch die Tempel des Berges, die Wahrzeichen alter römischer Kraft in Trümmer, und über diese führte dann eine neue Zeit neue Wege zur heiligen Höhe hinan. Auf dem mittleren derselben, einem von Michel Angelo angelegten sanftansteigenden Aufgang, kommen wir am bequemsten hinan. Die jüngeren von euch werden wohl zuerst nach dem Gebüsch auf der linken Seite hineilen, denn dort rennt ein Wolfspaar im engen Käfig unruhevoll hin und her. Ich brauche euch kaum zu erzählen, dals nur die dankbare Erinnerung an jene gutmütige Wolfsmutter, welche die Stadtgründer ernährt haben soll, diese unschuldigen Nachkömmlinge zu langweiliger Gefangen- schaft verurteilt hat.
Auf den ersten Blick werdet ihr alle denken, daſs das Capitol seine alte Gestalt ganz und gar verändert habe. Aber es ist nur ein modernes Gewand, welches es angelegt hat, um dem Zeitgeschmack Rechnung zu tragen. Der jetzige Capitolplatz, der auf drei Seiten von modernen Gebäuden umgeben ist, in dessen Mitte die antike Reiterstatue Mark Aurels thront, ist erst im sechzehnten Jahrhundert angelegt worden. Dafs hier ursprünglich eine Mulde war, verraten noch sehr deutlich die beiden Bergkuppen, zu denen vom Platze aus rechts und links hohe Treppen führen. Von diesen Hügeln nannten die Alten den südwestlichen Capitolium, den nordöstlichen arx. Zwischen ihnen, an der Stelle, die zu Livius Zeit wegen ihrer Heiligkeit noch eingehegt war, soll Romulus das Asyl eröffnet haben. In dieser Einsenkung wurde schon in uralter Zeit zwischen zwei Hainen der Gott Vejovis verehrt, den man deshalb V. lucaris nannte. Da dies Beiwort nun etwas ähnlich klang wie das des Apollo Lykoreus, so setzte man den italischen Gott dem griechischen gleich, um so leichter, als auch jener dargestellt war, wie er die rächenden Pfeile in der Hand hielt. Zu dem Heiligtum dieses Gottes durften die Heimatlosen, welche die junge Romulusstadt bevölkern sollten, flüchten, um sich hier sühnen zu lassen und dann rein von begangenem Frevel das Thor der palatinischen Stadt zu durchschreiten. Von einem anderen Gotteshause zwischen den beiden Hügeln wird nichts überliefert. Vielleicht war die Scheu vor dem strengen Vejovis, der einst Menschenblut zur Sühne gefordert hatte, so grofs, dals man nicht wagte, sein Gebiet durch andere Tempel- bauten einzuengen. Auch war es nicht leicht, an den geneigten Flächen gröfsere Anlagen zu grundieren, jedenfalls hatte ein Heiligtum auf einer der beiden Höhen eine bedeutend schönere und hervorragendere Lage.
Schon die Sekundaner unter euch wissen, dals Tarquinius Superbus sich nach der Einnahme von Gabii den Werken des Friedens zuwandte und vor allem den schon von seinem Vater gelobten Jupiter- tempel auf dem„tarpejischen Felsen“ erbaute. Livius bezeichnet an dieser Stelle mit rupes Tarpejae den ganzen südwestlichen Hügel des Capitols, in engerem Sinne ist jener Fels ein steiler Absturz des Berges nach Süden hin. Jetzt hat der Ort, wo die erste Verräterin Roms von den höhnenden Feinden ihren Lohn empfing und wo später Meineidige, diebische Sklaven und wegen Majestätsbeleidigung Angeklagte hinabgestürzt wurden, seine Schrecken verloren. Er ist nicht mehr durch eine Mauer von der übrigen Fläche des Capitols abgetrennt, nicht mehr wird der zitternde Verbrecher durch das Armesünderpförtchen geführt, sondern ein lieblicher Garten, den Citronen- und Orangenbäume, selbst einzelne Palmen schmücken, erinnert uns daran, dals hier am deutschen Hospital erkrankte Landsleute freie Luft und herrliche Aussicht genieſsen können. Allerdings hat sich der Berg im Laufe der Zeit durch Rutschungen vielfach verändert, so dals man nicht mit Bestimmtheit sagen kann: gerade diese jähe Tiefe wurde das Grab der Verbrecher. Aber soviel läſst sich wenigstens festhalten, daſs auf dieser Seite des Berges der verrufene Platz lag. Denn als einst Diebe mit ihren Brecheisen an den festen Grundmauern des Saturntempels, der am oberen Ende des Forum liegt, arbeiteten, um den hier aufbewahrten Staatsschatz zu stehlen, da hallten die Schläge an der nahen senk- rechten Wand des tarpejischen Felsens wieder und verrieten so die unvorsichtigen Räuber.
Jener Bericht des Livius über die Gründung des Jupitertempels hat euch also schon verraten, wo ihr den grössten und heiligsten Tempel des römischen Staates zu suchen habt. Jetzt brauchen wir uns aber nicht mehr nur auf die schriftliche Überlieferung zu stützen, die Steine haben lauter und verständ- licher geredet als menschliche Zungen. Denn bei den Umbauten, die in den Jahren 1875— 78 auf dem südlichen Teil des capitolinischen Berges vorgenommen wurden, sind die Grundmauern vom alten Baue der Tarquinier zum Vorschein gekommen. Ihr hohes Alter beweisen diese Reste durch das Material und die Art, wie es verarbeitet ist, ihre Zugehörigkeit zu jenem Tempel wird durch ihre Lage und ihre Masse über allen Zweifel erhoben. Auf dieser Stelle also thronte zwischen seinen beiden Hausgenossinnen, Juno und Minerva, der allgewaltige römische Staatsgott, der dies sein hohes Tempelhaus zum Haupte der Welt machte. Hier opferten die jungen Römer, wenn sie das Knabenkleid ausgezogen hatten, hier begannen die


