Aus dem alten Rom. (Ein Brief an die Schüler des Gymnasiums.)
Wenn ich hier durch die Trümmer des alten Rom wandere, muſs ich oft an euch, ihr Schüler unseres Gymnasiums, denken und wünschen, dafs ihr nur einmal die Plätze und Straſsen betreten könntet, auf denen die römischen Schriftsteller, deren Werke ihr verstehen lernt, und die Männer, von denen sie erzählen, gewandelt sind. Die lateinischen Geschichtschreiber, Redner und Dichter, welche euch die Stufen der Schule hinaufgeleiten, von Nepos bis zu Horatius und Tacitus, sie alle würden euch noch einmal so vertraut und lieb werden, wenn ihr sehen könntet, wo sie gelebt und geschrieben haben, aus den toten Buchstaben würden euch lebendige Gestalten geboren werden, wenn ihr sie da lesen könntet, wohin sie euch im Geiste versetzen,— in Rom. Vielleicht kann der Mangel der eigenen Anschauung euch in etwas dadurch ersetzt werden, daſs ich euch von dem mitteile, was mir Buchstaben und Steine hier erzählt haben. Um mir aber in rechter Weise folgen zu können, mülst ihr euch dazu bequemen, euren Gedanken, die ja jederzeit reisefertig sind, die bestimmte Richtung nach dem Süden zu geben. Ich denke, ihr besuchtet mich einmal hier, alle miteinander, und wohin sollte ich euch dann lieber führen, als zu den Mittelpunkten der alten Stadt?
Um uns möglichst rasch zurechtzufinden, suchen wir den Corso zu erreichen. Das ist die beleb- teste Straſse des alten Rom, die schnurgerade von der porta del popolo bis zur piazza di Venezia läuft. Sie entspricht in ihrem nördlichen Teile der alten via Flaminia und weiter südlich der via lata. Auf ihr durchschreiten wir den campus Martius, den weiten Spielplatz der Römer. Hier übten sich die jungen Leute im Laufen, Ringen und Fechten, oder ergötzten sich am vielgeliebten Ballspiel. Wie es heute in Rom zum guten Ton gehört, nachmittags auf dem Corso spazieren zu gehen oder zu fahren, so durfte auch in der Tageseinteilung eines alten Römers post decisa negotia das Rendezvous auf dem Marsfelde nicht fehlen. Horaz ist einer der verständigeren, er geht zum Bade, wenn ihm die Sonne zu lästig wird: ast ubi me fessum sol acrior ire lavatum admonuit, fugio campum lusumque trigonem.
Aber auch ernste Dinge wurden auf diesem ausgedehnten Felde vorgenommen. Hier versammelte sich das Volk zu contiones und comitia, hier stimmte es ab über die Wahlkandidaten, von denen der eine wohl als ein Mann von besserem Adel und bewährterem Charakter hinabstieg, der andere aber eine gröſsere Schar von Klienten zum Gefolge hatte. In der republikanischen Zeit genügte eine einfache Abgrenzung, die man„Schafhürde“ nennen konnte, dazu, die zur Abstimmung herantretenden in Ordnung zu halten. Cäsar begann marmorne Schranken zu bauen, und Agrippa vollendete diese saepta Julia. Überhaupt mehrten sich seit Cäsars Zeit gerade hier die Prachtgebäude. Besonders war es Marcus Agrippa, der durch seine groſsartige Thermenanlage dieser Gegend ein anderes Aussehen gab. Doch wurden die öffentlichen Bauten bald durch Privathäuser eingeengt, und kaum würde Strabo, der unter Tiberius Rom besuchte, das von ihm so begeistert geschilderte Marsfeld wiedererkennen, wenn er uns heute begleiten und zum Capitol bringen wollte. Auſser dem Pantheon ist von all den Herrlichkeiten, die er noch sah, nichts annähernd vollständig erhalten, enge, winklige Gassen durchziehen das jetzt dicht mit Häusern besetzte Viertel und führen uns bis an den Fuſs des Campidoglio. So wird jetzt der Berg genannt. Die lateinische Bezeichnung verstand das Volk nicht mehr und deshalb machte es sie den schon geläufigen Namen campo Marzio und campo vaccino(Ochsenfeld) ähnlich. In ältester Zeit ragte der Fels starr in das Marsfeld hinein. Aber seit Sulla war es erlaubt, sich am capitolinischen Hügel anzubauen, und bald trug der Berg aufser seinen Tempeln auch eine Menge von Privathäusern. So erklärt es sich, dafs die Vitellianer bei der Erstürmung des Capitols im Jahre 69 n. Chr. im Schutze der dicht stehenden Gebäude vordringen und den Hügel ersteigen konnten, auf dem der Jupitertempel erbaut war. Dals mit den Neubauten auch zugleich
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