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früh gegen mich.“ Und ſo ſpäter(1791):„Von der Wiege meines Geiſtes bis jetzt habe ich mit dem Schickſale gekämpft.“ Es tritt dieſes Schickſal in Schillers dramatiſchen Dichtungen mehr oder minder deutlich geſtaltet, mit ſeinem geheimnißvollen, unbeſiegbaren Walten hervor, und er⸗ ſcheint im„Wallenſtein“ ſtatt der weltgeſchichtlichen Nemeſis, um durch den Trug der Sterndeutung den Helden untergehen zu laſſen.„Es ſchleicht,“ ſpricht ahnungsvoll die Terczka,„ein finſtrer Geiſt durch unſer Haus, und ſchleunig will das Schickſal mit uns enden!“ Von dieſem fataliſti⸗ ſchen Elemente getrieben, wandelt die„Jungfrau von Orleans,“ wie Hillebrand bemerkt,„vor uns als eine willenloſe, ſomnambule Träumerin, der wirklichen Gegenwart entrückt;“ und in der „Braut von Meſſina“ führt ein Fluch, der forterbt, mit fataliſtiſcher Blindheit das Verhängniß herbei.
Hat man den weſentlichen Unterſchied zwiſchen dem, was Göthe und Schiller in ihren Dichtungen geleiſtet haben, darin gefunden, daß der Erſtere dabei von dem Beſondern zum Allge⸗ meinen hinauf, der Letztere von dem Allgemeinen züm Beſondern hinabſtieg, Jener die Wirklichkeit idealiſirt. Dieſer das Ideal verwirklicht darſtellt; ſo mag eine ſo verſchiedene geiſtige Richtung wohl nicht allein aus der eigenthümlichen Natur, ſondern zum Theil auch wohl aus der ungleichartigen Erziehung der beiden großen Dichter hervorgegangen ſein. Göthe lernte als wenig beauſſichtigter Jüngling die wirkliche Welt in den mannigfaltigſten Erſcheinungen kennen, ſah auf ihrem Schauplatze die verſchiedenartigſten Scenen in bunter Abwechſelung darſtellen, durchwanderte die Straßen der Stadt, beſuchte Werkſtätten, glänzende Geſellſchaftsſalons, muntre, verſteckt gehaltene Zuſammenkünfte junger, lebensluſtiger Leute, Theater und Konzertſäle, verkehrte mit Rathsherren, Geiſtlichen, Ge⸗ werbetreibenden aller Art, Schauſpielern und frommen Damen, ſammelte Lebensbilder von dem ver⸗ ſchiedenſten Genre, wußte jeder dieſer Anſchauungen ihr Eigenthümliches abzugewinnen, es feſtzuhal⸗ ten und in ſich zu einem ſprechenden Abbilde zu verarbeiten. Was ſeine Seele davon in ſich auf⸗ nahm, vermogte ſie treu und wahr, in reiner Objektivität, nur durch das Zauberlicht der Poeſie mit wunderſamer Beleuchtung verſehen, auch Andern vor die Seele zu führen.— Schiller dagegen, ſich täglich vom Morgen bis zum Abende in einem und demſelben Kreiſe herumbewegend, nichts Anderes ſehend, als das immer Gleiche, woran dieſe Kreisbewegung ihn vorüberführte, die Men⸗ ſchen nur in den„getreuen Abgüſſen eines und eben deſſelben Modells“ kennen lernend, nur durch das Eiſengitter ſeines Kerkers voll Sehnſucht in die Welt hinausſchauend, ohne ſich ihr nähern zu duͤrfen, mußte aus der, durch dieſe Aufregung bis zur Eraltation erhitzten, Phantaſie die Bilder hernehmen, die ihm das wirkliche Leben nicht zuführte, mußte in Idealen ſchwärmen, wo das Reale ihm fremd blieb.
Man könnte nun aber glauben, die Stuttgarter Militair⸗Akademie mit ihrer ſo ganz verfehl⸗ ten, abnormen Einrichtung dürfe bei der Beantwortung der Frage: Haus oder Sch ule? nicht für maßgebend gelten, da doch in dieſer Frage nicht von einer ſchlecht, ſondern im Gegentheile von einer wohl organiſirten Schule, nicht von einer Abnormität, ſondern nur von einer Sache, wie ſie gewöhnlich iſt, die Rede ſein müſſe. Allein wenn man hier Haus und Schule als Al⸗ ternative, und als getrennt von einander aufſtellt, ſo daß Eins das Andre ausſchließt, dann mögen die hier zur Sprache gekommenen Uebelſtände, die aus einer ſolchen Trennung hervorgehen, auch⸗


