Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
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faßte Morgen⸗ und Abendgebet von dem Aufſeher und das ſowohl vor als nach dem Eſſen darauf folgende Vater Unſer von den Zöglingen der dritten und vierten bürgerlichen Abtheilung, die hierin, wie die Aufſeher, von Tag zu Tag abwechſeln, mit lauter Stimme gebetet und von der ganzen ho⸗ hen Schule mit aufgehobenen Händen und einer feierlichen Stille angehört wird; worauf ſich alle nach einer neuen Wendung zu Tiſch ſetzen und das Frühſtück(ſo ſpäͤterhin auch Mittagsmahl und Abendbrod) genießen. Das iſt es aber auch Alles, was in dieſer(von keinem der Biographen Schillers benutzten) ſehr ausführlichenBeſchreibung über die gemeinſame Gottesverehrung in der Anſtalt geſagt wird. Kein Wort von einer erbaulichen Sonntagsfeier, oder von irgend einem andern Mittel zur Erweckung und Nährung wahrer Frömmigkeit. Nur von Unterrichtsſtunden iſt die Rede, in denenman ihnen den Zweck ihres Daſeins und die Pflichten, die ſie Gott, ihrem Nächſten und ſich ſelbſt ſchuldig ſind, durch die reine Lehre der heiligen Schrift und durch den Vor⸗ trag der aus der Natur und Beſtimmung des Menſchen abgezogenen ſittlichen Wahrheiten recht lebhaft vor Augen zu malen ſuchte. Allein die Dürftigkeit eines ſolchen wie ſich aus dieſer Angabe erſehen läßt Geiſt und Herz wohl nur ſehr wenig befriedigenden moraliſirenden Unterrichtes hat Schiller gewiß nicht mehr anzuziehen vermogt, als die trockene Dogmatik, die früher der Rektor Jahn in Ludwigsburg ihm vorgetragen und dabei wiederholendlich darüber geklagt hatte, daß ſein Zöglinggar keinen Sinn für Religion habe, da er lieber in dem unter dem Tiſche verborgen gehaltenen Geſangbuche leſe, als auf die Worte des Lehrers höre, und zwarBefiehl Du Deine Wege undEin veſte Burg iſt unſer Gott, u. dgl. aber nichtIn dulci jubilo memo⸗ riren möge. So war er denn in Betreff ſeiner religiöſen Anſichten und Gefühle faſt ganz ſich ſelbſt überlaſſen, und wenn er auch in dem Leſen der Bibel und desMeſſias Berichtigung dieſer Anſichten und Nahrung für dieſe Gefühle zu ſuchen bemüht war, zum Gebete ſeine Zuflucht nahm, den An⸗ dachtsübungen, welche einige der Lehrer, die zu den ſogenanntenStillen gehörten, mit den ihnen dazu empfohlenen Schülern zu halten pflegten, eine Zeitlang beiwohnte, begannen doch, jemehr er ſich in ſeiner Abgeſchiedenheit den philoſophiſchen Reflerionen hingab, bange Zweifel in ihm rege zu werden, und in denMorgengedanken, die er(1777), trotz der Aufſicht, die ihn umlauſchte, nicht nur niederſchrieb, ſondern ſogar in die ZeitſchriftSchwäbiſches Magazin einrücken ließ, ſpricht er zu Gott:Du haſt mich zu trüben Tagen aufbehalten, mein Schöpfer! zu Tagen, wo der Aber⸗ glaube zu meiner Rechten raſt und der Unglaube zu meiner Linken ſpottet. Da ſtehe ich und ſchwanke oft im Sturme! Du magſt mir Alles nehmen, mein Gott, jedes herzfeſſelnde Erdenglück, jede betäubende Weltfreude! Laß mir nur die Wahrheit, ſo habe ich Glück und Freude genug. Er hat dieſe Wahrheit ſein ganzes übriges Leben hindurch nie zur vollen Befriedigung gefunden, und die Klage darüber tönt uns aus ſeinen lyriſchen und didaktiſchen Gedichten oft genug in rührender Weiſe entgegen. Dieſe dort in ihm aufgeſtiegenen, vergebens bekämpften Zweifel, die durch den bittern Mißmuth über die Sklaverei, in der er ſchmachten mußte, noch düſterer und quälender wur⸗ den, regten in ihm den Gedanken an ein Schickſalswalten an, das ſich in ſeiner Ideenwelt immer dämoniſcher geſtaltete.Alle meine Entwürfe ſollen ſcheitern! ſchreibt er(1783).Ein kindskö⸗ pfiſcher Teufel wirft mich, wie ſeinen Ball, in dieſer ſublunariſchen Welt herum. Ich bin nicht, was ich hätte werden können. Ich hätte vielleicht groß werden können, aber das Schickſal ſtritt zu