Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
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mildernde und verfeinernde Umgang mit achtbaren und gebildeten Frauen und Jungfrauen fehlte faſt gänzlich; ſo wie er andrerſeits bei der Erziehung Göthes faſt gar zu vorherrſchend war. Hat man daher von dieſem Dichter geſagt, daß ihm in ſeinen Dramen die Darſtellung weiblicher Cha⸗ raktere mehr als die der männlichen gelungen ſei; ſo hat man im Gegentheile in den Dichtungen Schil⸗ lers jene erſteren um Vieles weniger naturgetreu, als dieſe letzteren gefunden, wenn auch das Verſchrobene und Verzerrte des erſten Verſuches(Amalia in denRäubern) ſich in den ſpäteren zu einer korrekteren Zeichnung ausbildete. Größerer Nachtheil ging jedoch für Schiller aus dieſem Mangel an Menſchenkenntniß dadurch hervor, daß er wie Jeder, der aus einer eng⸗ beſchränkten Erziehungsſphäre, wo Welt und Menſchen ihm fremd blieben bei endlich erfolgter Emancipation in dieſe Welt und unter dieſe Menſchen hinaustritt, ohne alle Erfahrung ſich dem Erſten, Beſten, der ihn an ſich lockte, anſchloß und der Leitung deſſelben hingab. Schwab theilt hierüber die ſchonenden Worte eines ungenannten Jugendfreundes Schillers mit, der einen Lieu⸗ tenant Kapff als den Verführer deſſelben nennt und hinzufügt:Sinnentaumel, jugendliche Thor⸗ heit übten nach der ſo lang entbehrten Freiheit ihre Macht, und Finanzverlegenheiten, ihre natür⸗ liche Folge, führten oft ſehr trübe Stimmungen für unſern Freund herbei. In einer Stadt(Stutt⸗ gart), die zu allen Lebensgenüſſen einlud, in der das frühere Beiſpiel des Herrſchers das Band der Sitte, beſonders in der Hofwelt, ſehr locker gemacht hatte, und wo die Familien, in denen alte Zucht und Ordnung herrſchte, ſich in ſtrenger Zurückgezogenheit hielten, mußten dem Jüng⸗ lingsalter manche Klippen drohen. Die Nähe der Familie(Schillers), die auf der Solitude wohnte, und an der er immer mit herzlicher Liebe hing, der Wunſch, ihre Erwartungen nicht zu täuſchen, beſonders eine Warnung im weichen Liebestone der Mutter, hielt den jugendlichen Leichtſinn in Schranken und ſtellte das Gleichmaß wieder her. Welch ein Glück alſo für ihn, daß dieſer Ein⸗ fluß des Elternhauſes, den er ſo lange hatte entbehren müſſen, ſich endlich wieder geltend machen konnte!Edlere Menſchen, ſagte er ſelbſtmüſſen mich wieder mit dem ganzen Geſchlechte ver⸗ ſöhnen, mit welchem ich mich beinahe überworfen hätte.

Und wie geſegnet wäre dieſe Mitwirkung ſeines Familienkreiſes für ſeine religiöſe Bildung ge⸗ worden, wenn ſie ihm nicht ſo lange und nun gerade in den entſcheidendſten Jahren ſeines Le⸗ bens faſt gänzlich gefehlt hätte! Durch die fromme, gemüthvolle Mutter war er in früher Kind⸗ heit zum Glauben und Hingeben an Gott,den Schöpfer aller Dinge,den treuen Menſchenva⸗ ter, und zur innigen Liebe für den Heiland hingeleitet worden. Sie erklärte ihren Kindern, wenn ſie Sonntags, nachdem ſie die Kirche mit ihnen beſucht hatte, ſie zu den Großeltern führte, auf dem langen, ziemlich einſamen Wege das Gvangelium des Tages, und rührte die aufmerkſam zuhö⸗ renden Kleinen nicht ſelten ſo z. B. durch die Erzählung von dem Zuſammentreffen des Aufer⸗ ſtandenen mit ſeinen nach Emmaus wandernden Jüngern bis zu Thränen. Gern las ſie ihnen aus der Bibel und aus dem Geſangbuche vor, und der Vater hielt täglich im Kreiſe der Seinen das Morgen⸗ und Abendgebet. Auch in der Militair⸗Akademie wurde gebetet, aber nach Kommando und mit vorgeſchriebenem Tempo.Hierauf wird, heißt es in derBeſchreibung der Hohen Karls⸗ ſchule zu Stuttgart(1783*),die kommandirte ganze Wendung gegen die zwiſchen den Hauptthü⸗ ren des Speiſeſaales befindliche Kanzel gemacht, auf welcher das für die Akademie beſonders ver⸗