Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
Einzelbild herunterladen

21

doch nur ſelten Anreizung und Anleitung findet, und in deren Truggewebe der Menſch, wenn er ihnen anheim fällt, doch meiſtens erſt in den Wirren des ſpäteren Lebens zu gerathen pflegt.

Und auch für die geiſtige Ausbildung Schillers konnte in jener Akademie obwohl dort mit dem Unterrichte der 300 Schüler 24 ordentliche, 14 außerordentliche Profeſſoren und 20 andre Lehrer beſchäftigt waren das nicht geſchehen, was eine gute Schule unter Mitwirkung des El⸗ ternhauſes darin zu leiſten vermag. Geiſtige Thätigkeit läßt ſich durch militairiſches Kommando al⸗ lein nicht leiten. DasVorwärts! Marſch! Links um! Rechts um! beſtimmt die Richtungen ei⸗ ner ſolchen Thätigkeit nicht in der mechaniſchen Weiſe, wie die des Körpers. Sie will ſich auch frei bewegen und nach eigener Luſt ergehen können, will eigener Neigung folgen, und ſich auch mit Crercitien beſchäftigen, die auf dem Exercierplatze nicht geübt werden, ihr aber außerhalb deſſelben vergönnt werden müſſen. Beſondere Befähigung und daraus hervorgehende Neigung für irgend einen einzelnen Lehrgegenſtand kann zwar in der Schule bei dem abgemeſſenen Unterrichtsgange der⸗ ſelben keine vorzugsweiſe Begünſtigung und Befriedigung finden, wohl aber den von der Schule nicht beſchäftigten Theil des häuslichen Privatfleißes für ſich in Anſpruch nehmen, und durch ihn ihre beſondre Nahrung und Pflege erhalten. Giebt es aber eine ſolche Zuflucht für ſie nicht, wal⸗ tet vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abende das Schulregiment, darf von Privatbeſchäftigungen keine Rede ſein, ſondern iſt Alles an Stunde und Reglement gebunden, und es bleibt für die ei⸗ gene Luſt und Neigung kein freier Spielraum übrig; dann tritt ein geiſtiger Krankheitszuſtand ein, bei welchem mit dem gedrückten und in ſeiner Thätigkeit gehemmten Organe auch der ganze übrige Organismus leidet. In der Militair⸗Akademie konnte für geiſtige Beſchäftigungen, die nicht zur vorgeſchriebenen Tagesordnung gehörten, nur auf Schleichwegen eine Stunde genommen werden. Wenn, ſchreibt Schiller an den genannten Jugendfreund,in unſern Kriminalgeſetzbüchern auch eine Strafe auf Diebſtähle in entlegenen wiſſenſchaftlichen Feldern geſetzt wäre, ſo würde ich Armer, der ganz heterogene Wiſſenſchaften treibt, und im Garten der Pieriden manche verbotene Frucht naſcht, längſt mit Pranger und Halseiſen belohnt worden ſein. Eine ſo harte Strafe hatte er nun zwar nicht zu leiden, aber doch Degradation, als er dem Ueberbringer einer trocknen und weit⸗ ſchichtigen Aufgabe, die ihn in anziehendern Beſchäftigungen ſtörte, dieſelbe mit den Worten:Ich muß bei der Wahl meiner Studien freien Willen haben! vor die Füße warf.

Diejenige Kenntniß aber, zu der man dort am Wenigſten gelangen konnte, war die der Men⸗ ſchen und des Umganges mit denſelben. Die Vierhundert, die Schiller in jener Anſtalt umgaben, waren ja, wie er es in der bereits angeführten Stelle ausdrückt,ein einziges Geſchöpf, der ge⸗ treue Abguß eines und deſſelben Modells, von welchem die plaſtiſche Natur ſich feierlich losſagte. Bei dem Zuſammenſein mit dem Gebieter war einerſeits tiefe Devotion, andrerſeits eine dem hohen Herrn Spas machende Plumpheit, im Verkehr mit den Lehrern ſteife Pedanterie, im Umgange der Schüler untereinander eine ſich in Derbheit gefallende Burſchikoſttät vorherrſchend, die ſich ſo roh und rückſichtslos in denRäubern(vornehmlich in der erſten Ausgabe derſelben v. J. 1781) ausſpricht. Andre Perſönlichkeiten, Stände, Verhältniſſe und Umgangsformen lernte man dort nicht kennen. Perſonen weiblichen Geſchlechtes durften nur als Kinder oder als Matronen, und auch dann nür ſelten und ausnahmsweiſe, den Zöglingen der Anſtalt nahe kommen, und der die Sitten

4