Aufsatz 
Haus oder Schule - oder Schule und Haus? Erläutert durch Mitteilungen aus der Bildungsgeschichte Goethes und Schiller's
Entstehung
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um die fertig gewordenen Sreuen einigen auserwählten und verſchwiegenen Mitſchülern vorleſen zu können, mußte er ein verſtohlenes, oft nur für einige Minuten mögliches Zuſammenkommen im Puder⸗ oder Waſchzimmer, in einer abgelegenen Gartenallee u. dgl. zu bewirken ſuchen, oder die augenblickliche Abweſenheit des Aufſehers benutzen, der ſich aber doch einmal, als Schillers ſchreiende Deklamation ihm verdächtig vorkam, an die Thüre ſchlich, hier mit Staunen die Worte (des Franz Moor)Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammniß ſchwebt auf dem Laute Deines Mun⸗ des! vernahm und ſcheltend hineinrief:Ei ſo ſchäme man ſich doch! Wer wird denn ſo entrüſtet ſein und fluchen! und dem dann der zürnende Dichter, während die Zuhörer lachten, ein verächtliches Konſiszirter Kerl! nachſchleuderte.

Aber nicht weniger gefährlich, als dieſe grobe Hintergehung war eine feinere Art der Lüge und des Truges, zu welcher die Akademie ihren Zöglingen Aufforderung und Anleitung gab. Es war dieſes das Heucheln und Schmeicheln, womit man den despotiſchen Gebieter bei jeder feierli⸗ chen Gelegenheit lobpreiſen, bewundern und in den Himmel erheben mußte. Und nicht nur ihm, ſondern auch ſeiner(nachmals von ihm zur rechtmäßigen Gemahlin erhobenen) Favoritin, der Grä⸗ fin Franziska von Hohenheim, hatte man dieſen Tribut der Verehrung in pomphaften Lobreden darzubringen. Auch Schiller mußte ſich dazu hergeben, und wer kann ohne Indignation in den noch vorhandenen Proben ſeiner derartigen Feſtreden die pomphaften, bis zur Kriecherei hinabſinken⸗ den Schmeichelworte leſen:Karl feiert das Feſt von Franziska! Wer iſt größer, der ſo die Tu⸗ gend ausübt, oder der ſie belohnt? Beides Gott nachgeahmt! Ich ſchweige, zu klein, Karl zu lo⸗ ben! Ich verhülle mich! ſchweige! Aber ich ſehe ſchon die Söhne der kommenden Jahre. Sie weinen, weinen um Karl! Würtembergs trefflichen Karl! und dieſen trefflichen Karl nennt der Dichter ſelbſt, als er 14 Jahre ſpäter(1793) ſeinem Freunde Körner den Tod des Gewalt⸗ habers anzeigt, denalten Herodes. Daß die Freiſtelle, die er in der Militair⸗Akademie einnahm, die faſt zu reichliche Körperpflege, die er in dieſer Anſtalt genoß, und die perſönliche wohlgeneigte Aufmerkſamkeit, die ihm der Herzog mitunter erwies, ihn zum Danke verpflichtet habe, wird Nie⸗ mand läugnen; aber jene Sprache iſt nicht die der aufrichtigen, herzlichen Dankbarkeit, ſondern die gekünſtelte, unwahre der kriechenden Demuth, die mit des Dichters nachmaliger Aufforderung:Män⸗ nerſtolz vor Königsthronen! im grellſten Widerſpruche ſteht. Doch freilich, es durfte dort, wie man aus dem Hochmuthe ſieht, womit dergleichen excentriſche Lobſprüche von den Gefeierten ange⸗ hört wurden, keine andre geführt werden, und die Lehrer, denen die zu haltenden Reden im Kon⸗ zepte vorgelegt werden mußten, hätten den Ton gewiß nicht herab, ſondern wohl lieber noch höher ſtimmen laſſen. Vielleicht ließe ſich zu Schillers Entſchuldigung etwa ſagen, daß er, beſtochen durch manche ihm zu Theil gewordene Gunſtbezeugung, als unerfahrner Jüngling, ſich ſelbſt eine Tänſchung aufgedrungen habe, die ihn Schwächen und Vergehungen, überſehen, oder doch für verzeihlich halten ließ, wenn ſich mit ihnen auch gute Eigenſchaften verbanden, und es iſt auffallend, daß keiner ſeiner Kommentatoren in der ſentimentalen Art, wie er die Lady Milford in ein günſtiges, für ſie ein⸗ nehmendes Licht zu ſtellen ſucht, eine Milderung der Schuld für die Gräfin Hohenheim gefunden hat. Wer beklagt nicht die, einem ſolchen Verderbniſſe Preisgegebenen, die, der milden Leitung einer Vater⸗ und Mutterhand entbehrend, ſo frühe ſchon in Künſte eingeweihet wurden, zu denen ſich im Elternhauſe